An der Herbsttagung der Berufsbildung 2017 gehört: „Eltern kennen die Berufsbildung zu wenig“

Der Vergleich zwischen dem gymnasialen Weg und dem Berufsbildungsweg bewegt seit Jahren die Gemüter der Berufsbildung. Die Diskussion wird oft ohne Berücksichtigung der meritokratischen Logik unseres Bildungssystems geführt. Eine Aussage an der Herbsttagung der Berufsbildung 2017 hat mich zu folgenden Gedanken angeregt.

„Die Eltern kennen das Berufsbildungssystem zu wenig, deshalb wollen sie für ihr Kind den gymnasialen Weg.“ Ich zucke immer etwas zusammen, wenn ich dieses Argument höre, da es nicht mit meiner (subjektiven) Beobachtung übereinstimmt. Ich beobachte, dass die Eltern das Schulsystem sehr wohl verstehen und auch durchschauen. Dies bestätigt auch eine Studie der PH Luzern bei über 160 Eltern von Primarschulkindern am Übergang in die Sekundarstufe I (Gut, 2016).

In unserem meritokratischen Bildungssystem ist es die Leistung, die bewertet und belohnt wird, beziehungsweise werden sollte. Die „Belohnung“ für gute Leistungen sind im Schulalltag gute Schulnoten. Es sind auch die Schulnoten, die die Grundlage von Selektionsentscheiden bildet. Welches Kind in welche Leistungsstufe kommt, hängt also von den Schulleistungen ab. Schulnoten sind als Leistungsindikatoren – nicht unumstritten – aber in der Wirtschaft und Gesellschaft als Leistungsindikator akzeptiert.

Auch die durch die Sortierung anhand der Schulnoten entstehende soziale Ungleichheit ist allgemein akzeptiert. Sie entspricht den vorherrschenden Gerechtigkeitsnormen und wird durch diese legitimiert. Gefordert wird im meritokratischen Schulsystem allerdings die Chancengleichheit im Sinne, dass Kinder und Jugendliche mit ähnlichen Fähigkeiten, ähnliche Chancen auf ähnliche Schulnoten haben, und zwar unabhängig etwa ihrer sozialen Herkunft oder ihres Geschlechts. Unter der Prämisse, dass dieses Prinzip der Chancengleichheit realisiert ist, akzeptiert nicht nur unser ökonomisches System, dass es ein „Unten“ und „Oben“ gibt, auch viele Eltern und Lehrpersonen akzeptieren es. Manche sehen es gar als Notwendigkeit an, um (junge) Menschen zu Leistungen zu motivieren.

Beim Übertritt von der Primarstufe zu den Leistungsniveaus auf Sekundarstufe I sowie von der Sekundarstufe I zur Sekundarstufe II bestimmen auch zu einem grossen Teil Noten, die idealerweise Schulleistungen abbilden, darüber, wem der gymnasiale Weg offen steht und wem nicht. Dies entspricht der meritokratischen Logik des Schulsystems. Den Schülerinnen und Schüler mit tieferen Schulnoten (oder nicht bestandenen Übertrittsprüfungen) wird der Zugang zum Gymnasium verwehrt. Was ihnen bleibt, ist die (attraktive) Möglichkeit, sich auf dem Lehrstellenmarkt zu bewähren und eine berufliche Grundbildung zu absolvieren. Dass diese Option auch jenen jungen Menschen offen steht, die den Übertritt ins Gymnasium geschafft haben, und von diesen teilweise auch bewusst gewählt wird, ändert an der strukturellen Hierarchie, die durch Selektion entsteht, nichts.

Diese allgemein akzeptierte und erwünschte Selektion anhand der Schulleistungen an der ersten Schwelle (Sek I – Sek II) führt also zwangsläufig zu einem „Unten“ und „Oben“. Starke (Schul)Leistungen führen zum „Oben“; schwächere Schulleistungen zum „Unten“. Das „Oben“ entspricht dem Gymnasium und das „Unten“ der beruflichen Grundbildung, wobei die Berufsbildung in sich ebenfalls ein „Oben“ und „Unten“ kennt (z. B. EFZ vs. EBA). Diese Logik, so meine Beobachtung, haben die Eltern verstanden. Eltern mit hoher Bildungsaspiration handeln entsprechend danach und bemühen sich, ihren Kindern den Zugang zum „Oben“ zu ermöglichen.

Vor diesem Hintergrund ist die Aussage, dass die Eltern das Berufsbildungssystem nicht verstanden haben, nur insofern korrekt, als die Eltern kein differenziertes Bild der Möglichkeiten in der Berufsbildung brauchen, um zwischen dem erwünschtem Weg nach „Oben“ (Gymnasium) und dem Weg zweiter Wahl (berufliche Grundbildung) zu entscheiden.

Die Berufsbildung leidet also nicht primär daran, dass sie und ihre vielfältigen Entwicklungsperspektiven nicht bekannt sind. Die Berufsbildung ist vielmehr „Opfer“ der meritokratischen Logik, die Schulleistungen als zentrales Selektionskriterium nutzt. Solange das Leistungsprinzip und die Schulnoten über den Zugang zum gymnasialen Weg entscheiden, bleibt die Berufsbildung die „zweite Wahl“. Dieser Logik kann auch mit Rhetorik kaum wirkungsvoll begegnet werden.

Auch wenn die Berufsbildung in der Hierarchie des Bildungswesens „unten“ angesiedelt ist, ist sie für die Schweiz eine existentiell wichtige Institution, die einen wesentlichen Beitrag zur wirtschaftlichen Prosperität und zur sozialen Kohäsion leistet. Dass den Absolventinnen und Absolventen einer Berufsbildung dank dem durchlässigen Bildungssystem bei entsprechender Leistung alle Wege offen stehen, ist eine entscheidende Stärke des Systems, die die einst produzierte Ungleichheit zu entschärfen vermag.

Prof. Dr. Jürg ArpagausPH Luzern

@juergarpagaus

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