Verbundpartnertagung 2018 und das Berufsbildungssystem als lernende Netzwerkorganisation

An der diesjährigen Verbundpartnertagung stand – neben dem für die Berufsbildung so wichtigen (informellen) Austausch zwischen den verschiedenen Vertreterinnen und Vertretern der Verbundpartner – die Konkretisierung des Programms zum Leitbild Berufsbildung 2030 im Zentrum. Eine Gruppe hat das «künftige» Berufsbildungssystem als eine offene und lernende Netzwerkorganisation beschrieben und rückt damit ab von dem starren Bild des Dreiecks OdA, Kanton und Bund.

Am 20. und 21. März 2018 haben sich rund 150 Personen in Bern zur Verbundpartnertagung getroffen, um sich gemeinsam mit wichtigen Themen der Berufsbildung auseinanderzusetzen. In diesem Jahr stand die Entwicklung von Projekten, die sich aus dem Programm zum Leitbild ableiten, im Zentrum der Tagung. Nach der Einbettung des Programms in die Entwicklung der Berufsbildung 2030 durch Rémy Hübschi des SBFI, folgten vier Inputreferate zu den vier priorisierten Schwerpunktthemen «Flexibilisierung der Bildungsangebote», «Stärkung von Information und Beratung über die gesamte Bildungs- und Arbeitslaufbahn», «Optimierung der Governance und Stärkung der Verbundpartnerschaft» sowie «Ausrichtung der Berufsbildung auf das Lebenslange Lernen». Die Inputreferate aus der Wissenschaft gaben den Anstoss, später in Gruppen einzelne Themen vertieft zu bearbeiten.

Prof. Dr. Sabine Seifert der Universität St. Gallen hat sich gefragt, welche Optionen es gibt, um das Berufsbildungssystem agiler zu gestalten. Sie betont u.a., dass sich die Organisationslogik verändern müsse und schlägt vor, nicht mehr in den Kategorien der drei Lernorte zu denken, sondern von einem integralen und digitalen Lern-Ökosystem aus zu denken und die Berufsbildung zu entwickeln.

Prof. Dr. Andreas Hirschi der Universität Bern hat mit einem einfachen heuristischen Modell aufgezeigt, dass die Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung (BSLB) breit gedacht werden kann. Entlang der drei Dimensionen «Zielgruppen», «Inhalte» und «Methoden» spannen sich 27 Kombinationen von Möglichkeiten und Entscheidungsprunkten auf, die bei der Planung und Umsetzung einer BSLB berücksichtigt werden können.

Prof. Dr. Carmen Baumeler des EHB hat ausgehend von einer in der Wissenschaft verwendeten Definition von «Bildungs-Governance» abgeleitet, dass die hohe Stabilität des Berufsbildungssystems in der Schweiz ein Resultat der Governance sei. Governance sei dabei auch ein Arbeiten an der gesellschaftlichen Norm wie beispielsweise dem Prinzip der Subsidiarität zwischen Bund und Kantonen. Abschliessend stellt Carmen Baumeler die Frage, wie die Governance in der Berufsbildung optimiert werden kann, um auch die Verbundpartnerschaft zu stärken.

Rémy Hübschi des SBFI hat im Schwerpunkt «Lebenslanges Lernen» Angebot und Nachfrage in den Fokus gestellt. Auf der einen Seite (Arbeitsangebotsseite) ist eine gesellschaftliche und demographische Entwicklung zu beobachten. Auf der anderen Seite, der Arbeitsnachfrageseite, finden heute vor allem technologie-induzierte Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt statt. Es sei Aufgabe des Bundes Rahmenbedingungen zu schaffen, welche die horizontale und vertikale Mobilität fördern, um immer wieder ein Gleichgewicht auf dem Arbeitsmarkt zu finden. Die dafür notwendigen Gefässe des Lebenslangen Lernens seien heute zwar auf allen Ebenen vorhanden, nur werde der gegebene Spielraum noch zu wenig genutzt.

Am Nachmittag wurden 14 vorskizzierte Projektideen aus den vier Schwerpunktthemen in Gruppen weiterentwickelt. Ich hatte das grosse Glück, in einer sehr heterogenen und kreativen Gruppe zu sein. Unser Fokus war die «Vertretung der Berufsbildung in andern Bildungsbereichen» mit dem Ziel, die Präsenz der Berufsbildung und der Verbundpartner in den Gremien der angrenzenden Bildungsbereiche zu stärken.

Unsere Gruppe hat diese enge Vorgabe schnell verlassen und ein neues Bild der «Vertretung der Berufsbildung in andern Bildungsbereichen» entwickelt, das den «missionarischen» Charakter überwindet und den Austausch, die Dynamik und das voneinander Lernen stärker betont. Wir kamen zum Schluss, dass sich das Berufsbildungssystem mit den Verbundpartnern mehr als eine offene und lernende Netzwerkorganisation verstehen sollte. Das netzwerkartige Einbinden anderer Bildungsbereiche und das stetige Lernen als System würde nicht nur der gesellschaftlichen, technologischen und ökonomischen Dynamik gerecht, sondern liesse auch die notwendigen Unterschiede im System besser zu.

Die Ernüchterung bezüglich der Projektideen kam am nächsten Tag, als die Teilnehmenden die verschiedenen Projektideen bewertet und priorisiert haben. Das Projekt mit der höchsten Akzeptanz (11%), aber auch mit dem höchsten Risiko (22%) ist ein Projekt zur «Vereinfachung der Finanzflüsse und Verbesserung der Anreizstrukturen». Unser Projekt «Berufsbildung und Verbundpartnerschaft als offene und lernende Netzwerkorganisation» hat nur wenig Akzeptanz (drittletzter Platz mit 3.6%) gefunden und birgt dafür nur ein begrenztes Risiko (5%).

Leider ist es dem Sounding Board nicht gelungen, die Projektskizzen materiell kritisch zu reflektieren und allfällige Lehren aus den Projektskizzen und dem Bearbeitungsprozess zu ziehen. Lehren aus der diesjährigen Verbundpartnertagung (vgl. Rückblick) können dennoch gezogen werden und zwar nicht nur, dass die harte Arbeit der Konkretisierung und Umsetzung des Leitbilds Berufsbildung 2030 schwieriger werden wird, als das Erarbeiten der Vision, sondern auch, dass der Weg der Weiterentwicklung mit den Verbundpartnern und weiteren Anspruchsgruppen wie den Hochschulen gegangen werden kann.

Prof. Dr. Jürg ArpagausPH Luzern

Twitter: @juergarpagaus

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