„Nicht schon wieder eine Gruppenarbeit!“

Das Aufstöhnen der Studierenden über Fülle und Umfang von Gruppenarbeiten in den einzelnen Ausbildungsmodulen ist auch an der PH Luzern nicht zu überhören. In den studentischen Foren anderer Hochschulen tönt es ähnlich: „Schafft die Gruppenarbeit ab!“ Was auffällt: Es gibt – insbesondere an technisch oder naturwissenschaftlich ausgerichteten Studiengängen bzw. Hochschulen – durchaus Erfolgsmodelle des kooperativen Lernens unter Studierenden. Und wenn wir den Blick in den eigenen Garten werfen: Das Modell PBL (Problem Based Learning) funktioniert auch an der PH Luzern (siehe Beitrag im HD-ABC der PH Luzern hier).

Was sagt eigentlich die Hochschuldidaktik zum Thema Gruppenarbeiten?

Die Stabsstelle Hochschuldidaktik hat vor ein paar Tagen den Auftrag erhalten, in der Fachkoordinatoren-Konferenz des Studiengangs Sekundarstufe I einen kurzen Input zum Thema „Gruppenarbeiten aus hochschuldidaktischer Sicht“ zu gestalten. Die entsprechende Präsentation (PDF und abspielfähige PPT) ist für alle Dozierenden der PH Luzern im HD-ABC als geschützter Download unter dem Stichwort „Gruppenarbeiten“ (hier) verfügbar.

Die wichtigsten Thesen des kurzen Inputs haben wir mit fünf Fragen übertitelt:

1) Was sagt die Wissenschaft zur Effektivität des kooperativen Lernens? (im Kurz-Input subsumieren wir den Begriff „Gruppenarbeit“ vereinfachend  unter „kooperatives Lernen“)

  • Laut John Hattie (siehe u.a. Website der Übersetzer von „Visible Learning“) ist kooperatives Lernen dem kompetitiven und insbesondere dem individuellen Lernen überlegen.
  • Kooperatives Lernen wirkt verstärkend auf Interesse und Problemlösefähigkeit.
  • Die positiven Effekte des kooperativen Lernens unter Peers wird durch den Einsatz von Tutoren noch verstärkt.
  • Kooperative Formen bringen wenig beim reinen Faktenlernen.

Mehr dazu bei Hattie, J. (2013). Lernen sichtbar machen. Baltmannsweiler: Hohengehren. S. 250ff.; Infos auch auf der Website der Hattie-Übersetzer (hier).

2) Was kritisieren Studierende an Gruppenarbeiten?

  • An der PH Luzern kritisieren die Studierenden bei Gruppenarbeiten insbesondere die Zahl, den Umfang, die mangelnde Koordination und die fehlenden Freiräume.
  • In studentischen Foren werden die Effizienz, die mangelnde Kooperation gewisser Gruppenmitglieder und die mühsame Koordination kritisiert.
  • Das Didaktikzentrum der Hochschule Esslingen hat weitere studentische  „Aufstöhn-Argumente“ (hier) in einer Liste gesammelt.

3) Welche Rolle spielen die Strukturen an der PH Luzern bei der Gestaltung von Gruppenarbeiten?

  • Gruppenarbeiten greifen organisatorisch stark in die üblichen Vorlesungs- bzw. Seminarstrukturen ein.
  • Studierende haben an der PH Luzern individuelle Stundenpläne mit vielen Präsenzveranstaltungen, das macht gemeinsame Treffen ausserhalb der Lernveranstaltungen schwierig bis unmöglich.
  • Es existiert keine eigentliche Gruppenarbeitskultur, welche z.B. die organisatorischen Implikationen mildern könnte.
  • Es gibt an der PH Luzern (noch) keine Übersicht, die über die Anzahl und Intensität der Gruppenarbeiten Auskunft geben könnte. Damit fehlt auch das Instrument für die von den Studierenden gewünschte Koordination.

4) Welches sind Gelingensbedingungen für Gruppenarbeiten an Hochschulen?

  • Die zentralste Gelingensbedingung für Gruppenarbeiten ist die Einsicht der Studierenden, dass mit der gewählten Methode die expliziten (und impliziten) Ziele am effektivsten erreicht werden können.
  • In den DidakTipps der Stelle Hochschuldidaktik der Uni Bern findet sich eine von Lydia Rufer zusammengestellte einfache Checkliste für den Einsatz von didaktischen Methoden an Hochschulen. Wer sich für die Methode „Gruppenarbeit“ entscheidet, macht am besten diesen Kurzcheck (hier).
  • Ebenfalls in den DidakTipps finden sich (hier) 10 Merkmale für gelingende kooperative Lernszenarien – zusammengetragen von Thomas Tribelhorn. Deren Beachtung verhindert zu wenig präzise formulierte Gruppenaufträge.

5) Welche Tendenzen im Bereich der Gruppenarbeiten lassen ich in der Hochschuldidaktik beobachten?

  • Die Institutionalisierung von gegenseitigen individuellen Rückmeldungen zwischen Studierenden mittels Reflexionsbögen beschreibt eine neue erschienene Broschüre des Fortbildungszentrums Hochschullehre der FAU Erlangen-Nürnberg (hier). Mittels einfachen Fragen schätzen sich die Gruppenmitglieder gegenseitig ein. Die 2006 von M. Fellenz entwickelte Methode wird in der Broschüre differenzziert vorgestellt und  kritisch gewürdigt.
  • In den letzten Jahren ist der Anspruch auf Methodenvielfalt in den Lehrveranstaltungen stark gestiegen. Die Hochschuldidaktik reagiert darauf u.a. mit der Bereitstellung von Methodenpools, in denen meist auch vielfältige Formen von Gruppenarbeiten vorgestellt werden. Solche Methodenpools finden sich zum Beispiel bei der Uni Köln (hier), bei der deutschen Bundeszentrale für politische Bildung (hier), in den DidakTipps der Uni Bern (hier), auf der Seite Hochschuldidaktik von A – Z der Uni Zürich (hier) etc.
    Einen vertiefteren Einblick in (hochschul-)didaktische Methoden der Gruppenarbeit gibt der 2014 erschienene utb-Band „Gruppenarbeit. Methoden – Techniken – Anwendungen“ von Martin Baumann und Christoph Gordalla. Das Buch ist für Dozierende und Studierende der PH Luzern innerhalb des PHLU-Netzwerks oder per VPN im Volltext abrufbar; einfach in der Suchmaske von iluplus.ch „Baumann“ und „Gruppenarbeit“ eingeben und zum Volltext navigieren.
  • Bereits seit längerer Zeit erleichtern vor allem im Bereich des E-Learnings bereitgestellte Tools für das kooperative Lernen die Zusammenarbeit bei Gruppenarbeiten. Seit dem Start der PH Luzern im Jahre 2003 werden in den LMS (Learning Management Systemen) der PH Luzern (im Moment Moodle) entsprechende Tools wie Foren, Chatrooms, Wikis, Etherpad etc. zur Verfügung. Beratung erhalten Dozierende und Studierende beim Eduweb der PH Luzern; Angebote und Kontakt im Eduweb-Blog.
  • Aktueller ist der Einsatz von sozialen Medien ausserhalb der E-Learning-Portale für die Koordination studentischer Gruppenarbeiten. Soeben ist auf der der Plattform e-teaching.org (->Aus der Praxis ->Erfahrungsberichte) der Erfahrungsbericht „Social Media im Hochschulalltag: Strategie und Praxis an der Freien Universität Berlin” (hier) erschienen. Der Bericht zeigt praxisnah die Möglichkeiten der Implementierung von Social Media in der Hochschullehre auf.
    Ebenfalls auf e-teaching.org in der Kategorie Medientechnik finden sich Dutzende von Testberichten (hier) zu nützlichen Tools (Filter benutzen!).
    Zentral beim Einsatz von (digitalen) Tools bleibt das KISS-Prinzip „Keep It Simple and Stupid“. Wenn es ohne Tool schneller und besser geht, braucht es kein Tool!
  • Laut Hattie gewinnt kooperatives Lernen durch den Einsatz von Tutor(-inn)en zusätzlich an Qualität. Mit Bologna und der Möglichkeit, für Tutorate ECTS-Punkte zu vergeben, sind Tutorensysteme noch attraktiver geworden; so gibt es auch Ausbildungen und Zertifikate für Tutor(-inn)en (Beispiel Uni Tübingen).
    Bis jetzt gibt es an der PH Luzern keine entsprechend etablierte Kultur. Es würde sich aber sicher lohnen – auch aus Gründen der Effektivität – über ein Tutoriats-Konzept nachzudenken.

 

 

2 Kommentare zu “„Nicht schon wieder eine Gruppenarbeit!“

  1. Nicht schon wieder eine Gruppenarbeit

    wenn die Zeit der Gruppenarbeitsphasen in die Präsenzzeit der Veranstaltung integriert ist, haben Studierende nach meiner Erfahrung keine Probleme mit Gruppenarbeiten. M.E. sollte zwischen diesen beiden Typen GA innerhalb vs. GA ausserhalb der Veranstaltungszeit differenziert werden, dann bekommen wir sicher aussagekräftigere Rückmeldungen.

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