Digitale Lehre – die Gefahr des Filterblasen-Effekts

„Es scheint eine ausgemachte Sache zu sein, dass die Digitalisierung die Bildung revolutioniert. Bildungswissenschaftliche Studien beweisen jedoch, dass es darauf ankommt, wer was wann wie mit der Technik macht. Die öffentliche Diskussion verliert sich häufig in populären Thesen, von denen wir einige widerlegen wollen.“

Mit diesen Worten leiten Rolf Schulmeister und Jörn Loviscach ihren Artikel „Mythen der Digitalisierung mit Blick auf Studium und Lernen“ ein (erschienen im Online-Sammelband „Digitale Transformation im Diskurs. Kritische Perspektiven auf Entwicklungen und Tendenzen im Zeitalter des Digitalen“, herausgegeben von Christian Leineweber und Claudia de Witt / im Volltext abrufbar hier). Schon in früheren Publikationen wies Schulmeister darauf hin, dass viele Aussagen zum „digitalen Lernen“ auf unreflektierten Alltagserfahrungen beruhen und sich in den letzten Jahren eigentliche „Mythen der Digitalisierung“ herausgebildet haben. So zeigte Schulmeister schon mehrfach auf, dass sich die mit dem Begriff „Digital Natives“ implizierten Medienkompetenzen von heutigen Studierenden bei näherem Hinsehen zum grossen Teil in Luft auflösen („medienaffin, aber nicht medienkompetent“). In den Diskussionen zur Digitalisierung ist der Fehlschluss von der gesteigerten Mediennutzung zur erhöhten Medienkompetenz recht häufig anzutreffen.

Im Artikel gehen Schulmeister/Loviscach schwerpunktmässig auf den Aspekt des kollaborativen Verhaltens und der Mediennutzung heutiger Studierender ein. Dass die Möglichkeiten zur Kollaboration mit der Digitalisierung steigen ist sicher unbestritten; dass diese Möglichkeiten aber auch genutzt werden, darf nicht einfach behauptet, sondern müsste auch belegt werden. Die Autoren zweifeln stark an diesem Automatismus und zeigen anhand diverser Studien auf, dass die grosse Mehrheit der Studierenden zu den „klassischen“ oder „moderaten“ Mediennutzern gehört. So lautet ein Fazit der Autoren: „Eine Imitation von Social Media scheint in der Hochschullehre nicht sinnvoll zu sein.“ Sie weisen zudem nach, dass sich Studierende bei Tätigkeiten wie Lesen, Schreiben, Notizen erstellen, Referate anfertigen immer noch viel stärker in der analogen und nicht in der digitalen Welt bewegen.

Diese Relativierung ist in Zeiten der allgegenwärtigen Digitalisierungsinitiativen nicht nur sinnvoll, sondern notwendig. Sogar Christian Spannagel – einer der Leitfiguren der digitalen Lehre – spricht von einer „Filterblase“, in der sich technikaffine Digitalisierungsturbos bewegen, weil sie zu sehr eigene Erfahrungen auf die Allgemeinheit übertragen (siehe Gastbeitrag von Ch. Spannagel im Hochschulforum Digitalisierung hier).
Spannend sind auch die Hinweise von Schulmeister/Loviscach auf Studien, die den – negativen – Einfluss der Verfügbarkeit von Notebooks, Tablets und Smartphones bzw. deren private Nutzung in Lehrveranstaltungen belegen (Abschnitt 2).

Spannend ist auch der Hinweis auf den Nutzen von Videoaufzeichnungen von Vorlesungen. Dieser sei zwar gegeben, aber nur bei jenen, welche die Vorlesung vor Ort besuchen und die Videoaufzeichnungen für die Prüfungsvorbereitung nutzen (Abschnitt 3). Eine der wichtigsten Faktoren für den Studienerfolg bleibt immer noch die physische Präsenz an der Hochschule!

Auch den Einsatz von sogenannten Clicker-Systemen beurteilen die Autoren eher kritisch. Sie sehen darin eher einfach gestrickte behavioristische Reiz-Reaktions-Systeme, die – wenn schon – didaktisch geschickt eingebettet werden müssen, damit sie nicht einfach nur als extrinsischen Motivationshäppchen wirken (Abschnitt 4).

Schulmeister / Loviscach ziehen ein dreifaches Fazit, das zugleich als Empfehlung verstanden werden kann:

  1. Studierende bevorzugen in der Mehrzahl immer noch klassische Lehrmethoden. Bei der Einführung digitaler Lehrmethoden muss das (erwünschte) Nutzerverhalten berücksichtigt und evtl. auch (mit Augenmass) gesteuert werden.
  2. Erfolgreich ist Medieneinsatz am ehesten dann, wenn er ergänzend zum Präsenzunterricht erfolgt.
  3. Es empfiehlt sich, das Medienangebot in Grenzen zu halten und dieses gut zu strukturieren.

Und da wir mit den Einleitungssätzen des Grundsatzartikels von Schulmeister / Loviscach in diesen Blog-Artikel eingestiegen sind, folgt zum Ende hier auch der Schlusssatz des Artikels: „Lehren und Lernen mit ihrer Charakteristik von komplexen motivationalen Wechselwirkungen, kognitiven und sozialen Rückkoppelungen und Effekten setzen einer strukturellen Digitalisierung der Hochschulen deutliche Grenzen der Machbarkeit.“

PS: Dieser Blog-Artikel ist eingebettet in eine ganze Reihe von Beiträgen, die sich mit dem Thema des Ausbildungs-Plenums der PH Luzern vom 10. Januar 2018 „Digitale Lehre“ auseinandersetzen. Alle Artikel dieser Reihe sind auffindbar mit dem Schlagwort digi18.

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