Das doppelte Lottchen

Lottchen-blog

Freitag, 20. Dezember. Heute geht es nach Aarau ins Theater Tuchlaube. Auf dem Bahnhof Lenzburg steige ich um. «Der InterRegio nach Aarau-Basel erhält eine Abgangsverspätung von 10 Minuten. Für die angemeldete Gruppe ist im Sektor A Platz reserviert», dröhnt es aus den Lautsprechern. Die angemeldete Gruppe und ich treffen trotz Verspätung rechtzeitig im Theatersaal ein. Dort sind auf den ersten Blick zwei identische Räume mit Bett, Tisch, Stuhl und Tapetenwand zu sehen. Unwillkürlich beginne ich nach dem Motto «Suche die neun Unterschiede» den linken und rechten Raum zu vergleichen. Damit bin ich eingestimmt und neugierig auf die angesagte Zwillingsgeschichte.

Matto Kämpf, Hausautor vom Theater Weltalm, hat die berühmte Kästner Geschichte entstaubt und der heutigen Zeit angepasst. Zwar kommen Telefonapparate mit Wählscheiben aus den 50er-Jahren zum Einsatz. Muss die Kommunikation aber schnell geschehen, arbeiten die Zwillinge frech mit Laptop und per Skype. Das Happy-End gibt es nur noch als Traum der Scheidungskinder Lotte und Luise: Die beiden Betten finden zusammen und bilden ein grosses altmodisches Ehebett. Es entstehen in schneller Folge verschiedene harmonische und paradiesische Familienfotos, dargestellt von Vater, Mutter und den Zwillingen. Plötzlich nimmt der Vater eine grosse Säge hervor und zersägt das Bett in zwei Teile.

Ganz am Anfang lernen wir den Vater von Luise als kauzigen Tonjäger kennen. Er betritt die Bühne über den Zuschauerraum und fischt – mit einem Galgenmikrofon, umgehängtem Reportertonbandgerät und grossen Kopfhörern bewaffnet – Töne aus dem Publikum. Die Kommunikation mit seiner Tochter Luise gestaltet sich dadurch etwas kompliziert aber lustig. Luise kennt ihren schrägen Künstlervater und liebt ihn. Er ist Komponist und lässt sich von den gejagten Alltagstönen inspirieren. Die wilde Luise hat bei ihm ein freies, kreatives und lustiges Leben. Zusätzliche Action bringt der Hund Pepperl in die Bude. Gesprochen wird hier wienerisch.

Auf der andern Seite ist behäbiges Berndeutsch zu hören. Die Mutter von Lotte lässt sich von ihrer Tochter bekochen und bedienen. Gemütlich im Bett liegend, geniessen die beiden ein gutes Leben – eher wie zwei Schwestern, als wie Mutter und Tochter. Lottes Schulkamerad, der Secondo Kushtrim, kommt auf Besuch. Er ist verliebt und braucht Unterstützung beim Hausaufgabenmachen. Lotte ist ein braves und ruhiges Kind. Alles ist für sie in Ordnung.

Hüben wie drüben packen die Kinder die Koffern. Morgen geht es für zwei Wochen ins «Spitzmauslager».

Umbau: Die beiden Tapetenwände werden gedreht. Sichtbar wird ein wunderschöner aufgemalter Wald. Bern und Wien verschwinden hinter der Waldwand. Ein topmotivierter Thurgauer Lagerleiter führt uns in horrendem Tempo  durch die vierzehn Lagertage. Dabei treibt er das Spitzmaus-Thema bis ins Absurde. Das ist sehr unterhaltsam und gekonnt gespielt. Ach ja: In dieser Zeit finden Lotte und Luise heraus, dass sie Zwillinge sind. Sie träumen von einem harmonischen Familienleben. Für diesen Traum wollen sie kämpfen. Sie beschliessen, die Rollen zu tauschen.

Lotte geht als Luise nach Wien zu ihrem Vater und Luise als Lotte nach Bern zu ihrer Mutter. Da tut sich ein weites Feld für lustige und komische Situationen auf. Dies nutzt der Schauspieler Dominique Jann in vollen Zügen aus. Er hat schon aus der Rolle des Lagerleiters ein eigentliches Kabinettstücklein gemacht und gezeigt was er so draufhat. Jetzt sorgt er als Hund Pepperl in Wien und als Secondo Kushtrim in Bern oder gar simultan als Lehrer von Lotte und Lehrer von Luise im Boulevardtheater-Stil für weitere Höhepunkte. In atemberaubendem Tempo wechselt er Kleider und Rollen. Fast nicht zu glauben, dass all‘ die Figuren von einem einzigen Künstler bewältigt werden! Zwar gibt es auch für die  andern Darstellerinnen und Darsteller Komik-Futter in Hülle und Fülle. Aber der Hund stiehlt allen die Show. Darunter leidet der Tiefgang der Geschichte. Ich lasse mich nicht wirklich berühren. Den Kindern gefällt es. Auch der «angemeldeten Gruppe» von Lenzburg. Unmittelbar nach der Vorstellung gibt der Hund Pepperl mehr zu reden als die Geschichte von Lotte und Luise.

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