Projekte machen Schule

Erich Lipp, Leiter des Zentrums Impulse Projektunterricht und Projektmanagement (ZIPP) der PH Luzern hat im Schulblatt Thurgau aufgezeigt, weshalb Projektunterricht in der Schule so wichtig ist und was es dabei zu beachten gibt.

Projekte gehören heute zum Alltag, sowohl im beruflichen als auch privaten Bereich. Kein Lebensbereich ist mehr auszumachen, in dem nicht einmalige, zeitlich begrenzte, neuartige und meist interdisziplinäre Vorhaben eine Rolle spielen. Entsprechend wichtig ist es für Schülerinnen und Schüler, mit den Methoden und Vorgehensweisen bei unbekannten Problemstellungen umgehen zu lernen. Es gehört zur Aufgabe der Schule, Schülerinnen und Schüler das Rüstzeug zum selbstständigen und kooperativen Arbeiten mit auf den Weg zu geben: Nicht nur die Sekundarstufe I setzt Akzente beim Projektunterricht. Nein, auch Primarschulen unterrichten projektorientiert, sei dies beispielsweise in einer Projektwoche oder in der Freiarbeit. Weiter führen auch einzelne Gymnasien Projektwochen durch, damit die Jugendlichen durch die Projektmethode Grundlagen für ihre Maturarbeit erlernen. Zudem kennen die Berufsschulen eine Vertiefungsarbeit, die ebenfalls projektorientiert angelegt ist.

Im Projektunterricht wird auf die besonderen Interessen und Arbeitsweisen der Kinder bzw. Jugendlichen eingegangen. Die Lernenden bestimmen bei der Themenwahl und der Ausführung ihrer Projekte mit und bearbeiten vermehrt Aufgaben und Probleme selbstständig und eigenverantwortlich. Dadurch wird nicht nur ein neues Lehr-Lernverständnis gefördert, die Lehrpersonen erhalten auch eine andere Rolle. Sie sind weniger Expertinnen respektive Experten eines Faches, vielmehr wird von ihnen verlangt, dass sie die Lernenden in der Projektmethode optimal begleiten. Die Lehrperson wird damit zum Lernbegleiter und Coach, der zudem über fundierte Kenntnisse im Bereich Projektmanagement verfügen soll.

Schülerin präsentiert ihr Projekt

Eine Schülerin präsentiert ihr Projekt am Wettbewerb Projekt 9 (Archiv)

Im Projektunterricht werden die Schülerinnen und Schüler mit kleineren und grösseren Aufträgen in die Projektmethode und in Techniken des Projektmanagements eingeführt. Sie lernen dabei, wie man Projekte initiiert, vorbereitet, plant, durchführt, auswertet und abschliesst. Sie lernen Kreativitätstechniken und das Startbrainstorming, Ziele zu setzen und richtig zu planen, ein Budget aufzustellen. Weiter will ein Projekt strukturiert und genehmigt sowie effektvoll präsentiert sein. Die Risiken werden ermittelt und das Projekt laufend hinterfragt. Teamfähigkeit ist im Projektunterricht kein leeres Wort: Kommunikation und Sozialkompetenz werden geübt und umgesetzt. Stete Förderung gilt dem eigenverantwortlichen und selbstständiges Lernen. In einem Journal reflektieren die Lernenden die Fortschritte und Hindernisse ihrer Projektarbeit. Zudem lernen die Schülerinnen und Schüler auch fachlich viel, weil sie aus eigenem Interesse ihre Sachkompetenz in einem selbst gewählten Thema erweitern. Damit dies alles möglich wird, müssen Lehrpersonen die damit verbundene Herausforderung annehmen und bereit sein, selber auch von den Schülerinnen und Schülern zu lernen.

Didaktische Konzeption

Damit die Projektmethode erfolgreich umgesetzt werden kann, müssen gewisse überfachliche Kompetenzen erst trainiert werden. Oft wird beispielsweise zu wenig genau abgeklärt, welche überfachlichen Kompetenzen die Jugendlichen von der Primar- in die Sekundarstufe I mitbringen und in welchen Bereichen weiter trainiert bzw. neu trainiert werden muss. Hilfreich ist es, wenn eine Schule ein Konzept hat, in welchen Fächern und auf welcher Stufe welche Methoden eingeübt werden sollen. Wir unterschieden folgende Kompetenzen:

  • Selbstreguliertes Lernen: Methoden zur Planung, Organisation und Reflexion
  • Methodisch-strategisches Lernen: Informationssammlung, -verarbeitung und -strukturierung
  • Sozial-kommunikatives Lernen: Methoden zur Kooperation und Kommunikation
  • Methoden zur Dokumentation und Präsentation von Arbeitsergebnissen

Der Luzerner Lehrplan zum Projektunterricht Sekundarstufe I, der nach dem Vorbild des Lehrplans 21 konzipiert ist, fokussiert genau diese überfachlichen Kompetenzen. Schulen müssen noch vermehrt in ihren Fächern die Lernenden in den überfachlichen Kompetenzen und damit auch für Projekte fitmachen. Die überfachlichen Kompetenzen sollten aber nicht nur mit der Projektmethode eingeübt werden, sondern können auch integral in allen Fächern und Unterrichtsmethoden geübt werden. Wiechmann (2011) beschreibt zwölf Unterrichtsmethoden:

  • Frontalunterricht
  • Direktes Unterrichten
  • Gruppenpuzzle
  • Stationenarbeit
  • Wochenplanarbeit
  • Pädagogisches Rollenspiel
  • Genetisch-dramaturgischer Unterricht
  • Entdeckendes Lernen
  • Fallstudie
  • Werkstattarbeit
  • Projektmethode
  • Selbstständiges Lernen

Die Lehrperson muss entscheiden, mit welcher Unterrichtsmethode sie ihre Ziele am besten erreicht. So sollte der Unterricht stets von einer Methodenvielfalt geprägt sein. Im Projektunterricht muss es der Lehrperson gelingen, die Begeisterung für diese Methode an die Lernenden weiterzugeben und ihnen das nötige Vertrauen zu schenken, dass sie Fähigkeiten für die Umsetzung eines eigenen Projekts haben und sie so vom Sinn des Projektunterrichtes oder Projektmanagements zu überzeugen. Während des Projektunterrichts muss die Lehrperson zudem verschiedene Rollen wahrnehmen:

  • Vermittler/-in von Methoden
  • Auftraggeber/-in für das Projekt
  • Coach bzw. Berater/-in, der oder die das Projekt mittels Meilensteinen begleitet
  • Beurteiler/-in bzw. Bewerter/-in, sei dies formativ oder summativ, damit die Lernenden im Sinne der Selbstwirksamkeit spüren, was sie gut umgesetzt haben und was weniger.

Für den Projektunterricht ist es wichtig, mit kleinen Schritten zu beginnen, damit Erfolge erlebbar werden. Dies erfolgt mit Aufbauübungen, projektartigen Vorhaben und erst dann mit der Realisierung der eigentlichen Projekte (inkl. Abschlussarbeit) statt. Die Lehrperson setzt anfänglich klare Rahmenbedingungen und gibt Unterstützungen in verschiedenen Bereichen. Allmählich werden diese Angebote abgebaut, dagegen die Selbststeuerung und Selbstständigkeit der Lernenden ausgebaut.

  Übungen Projektartige Vorhaben Projekte
Thema, Inhalt Lehrperson gibt Auftrag: Lernende wählen aus vorgegebenen Themen Lernende und Lehrpersonen legen gemeinsam das Thema fest Lernende bestimmen das Thema und die Inhalte
Materialien Lehrperson stellt Material zur Verfügung Lernende und Lehrperson beschaffen zusammen Material Lernende beschaffen die Materialien
Arbeitsziele Arbeits- und Handlungsziele werden durch Lehrperson vorgegeben Lernende und Lehrperson legen die Ziele gemeinsam fest Lernende formulieren Aufgabenstellung und Ziele selbstständig
Methoden Vorgegebene Lernwege durch die Lehrperson Gemeinsame Auswahl aus angebotenen Lernwegen Freie Wahl des Lernweges durch Lernende; Arbeit auch ausserhalb der Schule
Lerngruppen, Projektteam Lehrperson nimmt Einfluss auf Gruppenbildung; die Gruppen werden bestimmt Interessengruppen werden gebildet Freie Gruppenwahl nach Interesse und Neigung
Rolle des Lernenden Ausführend, teilweise Selbststeuerung Mitbestimmend; teilweise selbstständig, reflektierend auf einzelne Methoden Selbst- und mitbestimmend; selbstständig planend und durchführend

 

Überblick über die Phasen einer Projektarbeit

Die Phasen der Projektarbeit im Überblick (Quelle: Schulblatt Thurgau 6 Dezember 2018, S. 8)

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass Projekte eine besonders geeignete Methode für das Training der überfachlichen Kompetenzen, der sogenannten Schlüsselqualifikationen fürs Leben, sind und die Lernenden bezüglich Fachkompetenz und Selbstwirksamkeit für ihre persönliche Entwicklung profitieren können. Projekte respektive auch längere selbstständige Lernaufträge laufen immer nach Phasen ab (vgl. Schema Lipp nach Phasenmodell Scheuring). Im Rahmen dieser Phasen lernen die Schülerinnen und Schüler bewährte Instrumente (graue Kästchen) des Projektmanagements kennen und anwenden. Die Einübung einzelner Techniken in der Projektmethode, wie sie oben dargestellt werden, erfordert erstens Kenntnisse der Lehrenden aber auch stetes Training der Lernenden. Ob die erwähnten Techniken oder andere Methoden eingesetzt werden, ist zweitrangig.

Wichtig ist, dass Techniken den einzelnen Phasen eine Struktur geben (Metaebene überwachen, steuern, Planung anpassen, dokumentieren und reflektieren) sollen zeigen, dass die Lernenden immer wieder innehalten, um zu schauen, ob sie mit ihrem Projekt auf Kurs sind, ob sie die Planung anpassen sollen oder ob sie schon an die Dokumentation gedacht haben. Herz, Hand und Kopf sind zentral, denn bei der Projektidee spielt das Herz eine entscheidende Rolle, bei den Phasen Vorbereitung, Planung und der Reflexion ist der Kopf wichtig und bei den Phasen Lösung entwickeln und umsetzen sollen die Hände, also die praktische Tätigkeit, zum Zuge kommen. Dieses Schema kann auch in einer verkürzten Form für eine Projektwoche genutzt werden. In einer Projektwoche stehen die Schülerinnen und Schüler im Mittelpunkt – und nicht die Lehrpersonen, die in Ateliers Angebote machen. Letzteres wäre nach meinem Verständnis eine Sonderwoche oder Themenwoche aber keine Projektwoche.

Dieser Text ist unter Verwendung folgender Quellen zuerst im Schulblatt Thurgau  (6, Dezember 2018) erschienen.

  • Autorinnen- und Autorenteam (2013). Projektorientiert arbeiten (Eigenständigkeit und Kooperation fördern im 3.-6. Schuljahr). Bern: Schulverlag plus.
  • Lipp E., Widmer P. (2006). Projekte begleiten (Planungshilfe für Lehrpersonen inkl. DVD Gruppenwerk sowie Leitfaden Lernende). Bern: Berner Lehrmittelverlag.
  • Lipp E., Müller H., Widmer P., Graf Ch., Von Graffenried Ch. (2011). Projekte begleiten (Handbuch für Lehrpersonen). Bern: Schulverlag plus.
  • Lipp E., Müller H., Widmer P., Graf Ch., Von Graffenried Ch. (2011). Projekte begleiten (Praxishilfe). Bern: Schulverlag plus.
  • Lipp E., Widmer P., et al. (2011). Projekte und Projektmanagement machen Schule. Tagungsband zur Tagung „Projekte und Projektmanagement machen Schule“ vom 5. November 2011, Zentrum Impulse für Projektunterricht und Projektmanagement, Luzern.
  • Lipp E., Müller H., Widmer P., Graf Ch., Von Graffenried Ch. (2012). Projekte realisieren (Leitfaden für Schülerinnen und Schüler). Bern: Schulverlag plus
  • Lipp E. (2012). Projektartige Vorhaben im Kontext Wirtschaft. Bern: Schulverlag plus
  • Scheuring H., Erne T. (2013). Projektmanagement macht Schule (Booklet). Luzern. ZIPP (Zentrum Impulse Projektunterricht und Projektmanagement)
  • Wiechmann, J. (Hg.) (2011), 5. Auflage: Zwölf Unterrichtsmethoden. Basel: Beltz.

Über den Autor

Erich Lipp ist Leiter des ZIPP (Zentrum Impulse Projektunterricht und Projektmanagement der PH Luzern) und Fachleiter Klassenlehrperson (inkl. Lebenskunde und Projektunterricht) an der PH Luzern.

Portraitbild von Erich Lipp

Erich Lipp (Archiv)

Lehrmittel SEK I

Handbuch Projekte begleiten

Praxishilfe Projekte begleiten

Leitfaden Projekte realisieren

Titelblatt Handbuch Projekte Begleiten

Titelblatt Handbuch Projekte Begleiten

Titelblatt Praxishilfe Projekte begleiten

Titelblatt Praxishilfe Projekte begleiten

Titelblatt Projekte realisieren (Leitfaden für Schülerinnen und Schüler)

Titelblatt Leitfaden Projekte realisieren

Handbuch für Lehrpersonen

Gruppenprojekte und individuelle Arbeiten auf der Sekundarstufe I

 Leitfaden für Schülerinnen und Schüler mit Sachinformationen, Tipps, Werkzeugen und Einblicken (Leitfaden mit CD-ROM)

Das Buch bietet die Grundlage für die Planung, Initiierung, Begleitung, Beurteilung und Auswertung von Gruppenprojekten und individuellen Arbeiten. Es basiert auf den Erfahrungen aus den Kantonen Luzern und Bern. Das Handbuch gibt Einblicke in die ebenfalls erweiterten Praxishilfen (Kopiervorlagen).

Die zahlreichen Werkzeuge entlang der fünf Phasen eines Projektes bzw. einer individuellen Arbeit sind als Kopiervorlagen vorbereitet und auf CD-ROM auch in elektronischer Form zugänglich. Der Ordner enthält zudem zwei Filme (DVD) mit Porträts von Gruppenprojekten und individuellen Arbeiten.

Der Leitfaden führt die Jugendlichen durch ihr Gruppenprojekt bzw. ihre individuelle Arbeit. Dabei enthält er vertiefende Aufträge und Werkzeuge rund um die Meilen- bzw. Stolpersteine: Themenfindung, Eingrenzung, Antrag und Präsentation. Einblicke in Wort, Bild und Ton erleichtern das Lernen von und mit Anderen.

 

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