Führungskräfte brauchen einen ausreichenden Idiosynkrasie-Kredit

Wer kennt es nicht dieses Bedürfnis nach Ruhe, Konstanz und Sicherheit. Diese Qualitäten ermöglichen Behaglichkeit. Veränderungen gefährden diese. Führungspersonen, die als Promotoren von Veränderungen agieren, verstören diese Behaglichkeit und machen sich im Empfinden der Betroffenen „schuldig“. Diese Logik bildet den Kern der Idiosynkrasie-Kredit-Theorie nach Hollander (1995). Wer Innovationen initiiert, verschuldet den Verlust von Ruhe, Konstanz und Sicherheit. Unter Umständen baut sich gegenüber diesen „Schuldnern“ sogar eine Abneigung auf; dieser Widerwille wird auch als „Idiosynkrasie“ bezeichnet.

Wer Normen verletzt, braucht Nachsicht. Das ist mit dem Begriff „Idiosynkrasie-Kredit“ gemeint. Die Kredithöhe speist sich vorrangig aus dem Vertrauen, das jemand bei den Betroffenen einer Veränderung aufgebaut hat oder das jemandem als Vorschuss gegeben wird. Das Vertrauen wiederum ist in eigenschaftstheoretischer Sicht (vgl. Osterloh 2006) von drei Komponenten abhängig: Erstens von der zugeschriebenen Fachkompetenz (Das Fach ist hier die Leitung und Entwicklung von Bildungsorganisaitonen.), zweitens vom Wohlwollen, das eine Führungsperson gegenüber ihren Mitarbeitenden entgegenbringt (Benevolenz) und drittens wächst das Vertrauen, wenn jemand integer ist. Verlässlichkeit und Konsistenz machen u.a. die Integrität einer Person aus.

Integrität und Wohlwollen beziehen sich auf mehr oder weniger stabile Verhaltensmuster einer Führungsperson; diese sind im Rahmen einer Ausbildung meines Erachtens nur beschränkt beeinflussbar. Hingegen können durch Ausbildung fachliche Kompetenzen gefördert werden, die für die Aufgaben von Führungskräften hoch relevant sind. Daraus folgt erstens: Führungsausbildungen sind gut angelegte Investitionen – ins Vertrauen. Wer fachlich kompetent führt, kann mit einem wachsenden Idiosynkrasie-Kredit rechnen. Und daraus folgt zweitens: Fachliches Wissen und Können ist keinen Pfifferling wert, wenn es nicht gelingt, Beziehungen so zu gestalten, dass Mitarbeitende sich respektiert und unterstützt fühlen, und wenn die Führungsperson von den Mitarbeitenden als wenig integer eingeschätzt wird.

 

Hollander, E.P. (1995) Führungstheorien – Idiosynkrasiekreditmodell. In: Kieser, A, Reber, G. & Wunderer, R. (Hrsg.) Handwörterbuch der Führung. Stuttgart: Fischer.

Osterloh, M. (2006) Investition Vertrauen. Wiesbaden: Gabler.

Ein Kommentar zu “Führungskräfte brauchen einen ausreichenden Idiosynkrasie-Kredit

  1. Das gefällt mir: Führungspersonen als Störfaktor. Keine Frage, es braucht auch Ruhe, Konstanz und Sicherheit, damit der Widerstand nicht die Weiterentwicklung und Innovation untergräbt. Aber es braucht auch immer wieder Irritation. Innovation vertreibt aus der Komfortzone. Das ist unangenehm.

    Schulleiter/innen sind diesbezüglich ganz besonders gefordert. Sie sind weit mehr als Komfortzonen-Administrator/innen. Schulleiter/innen – ich sage dies bewusst normativ – müssen führen! Sie müssen unangenehm sein. Weshalb dies? Der Lehrberuf ist ein relativ geschützter Beruf. Die Kinder haben – anders etwa als Erwachsene in Weiterbildungen – keine sonderlich machtvolle Position. Lehrpersonen wird kaum je gekündigt, wenn sie ihre Leistungen nicht erfüllen, anders als im rüder agierenden Wirtschaftsbereich. Oder täusche ich mich da? Dann bitte Widerspruch!

    Somit sind die Schulleiter/innen gefordert, zu fördern und zu fordern. Zu konfrontieren, zu irritieren, zu stören und gleichzeitig für Vertrauen, Ruhe und Beständigkeit zu sorgen. Die Qualität im Unterricht zu weiter zu entwickeln, mit Schulentwicklungsmassnahmen und den damit verbundenen gemeinsamen und individuellen Weiterbildungsmassnahmen. Etliche Schulen und Schulleitende handeln bereits so, viele dürften da noch zulegen. Fraglos herausfordernd und ungewohnt, aber notwendig, ich meine zwingend notwendig…

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