Ruhestand war gestern – Senioren verwirklichen Lebensprojekte

Robert Langen

Sie machen Radio, mischen in der lokalen Politik mit oder starten als Unternehmer durch – immer mehr Menschen in der Nähe oder jenseits der Pensionsgrenze planen und realisieren „ihre“ Lebensprojekte. Allein oder in Gruppen nutzen sie den „Unruhestand“, um alte Träume oder neue Ideen zu verwirklichen. 

Mit 60 – 80 Jahren stehen sie kurz vor der Pensionierung oder leben schon seit geraumer Zeit als Rentner. Eigentlich könnten sie sich zurücklehnen, die Dinge ruhiger angehen lassen. Ganz sicher nehmen einige von ihnen das Tempo raus, aber rührig bleiben sie trotzdem. Ältere Menschen erscheinen in wachsendem Masse körperlich-geistig verjüngt; sie sind besser ausgebildet, gesundheitsbewusster und vor allem aktiver, weil sie im Sinne einer leistungsorientierten, individuen- und selbstbewussten Kultur sozialisiert wurden (Höpflinger 2015).

 

Forschung zu Projekten von älteren Menschen

Im Rahmen eines Forschungsvorhabens der PH Luzern zur Vorbereitung des Nachdiplomkurses (NDK) „Carpe diem-Begleitung persönlicher Lebensprojekte von Menschen 60+“ (Angebot für geragogisch Interessierte der aeB Schweiz, Luzern ab 08. April 2016) wurden Gruppendiskussionen mit Seniorinnen und Senioren geführt, die teilweise gemeinsam, aber auch ganz individuell mit unterschiedlichen Aktivitäten unterwegs sind. Dabei wurde unter anderem beobachtet, worauf die Gerontologie schon länger hinweist: Das Alter wird heterogen, die Menschen beschreiten ganz unterschiedliche Wege, wenn es um die Gestaltung der Lebenszeit in der nachberuflichen Phase geht. Eines haben sie allerdings gemeinsam: Das Lebenslange Lernen gewinnt für alle an Bedeutung.

 

Verlässlich sein; aber ohne Zwang

So zeigt eine erste Auswertung des Forschungsmaterials, dass besonders anspruchsvolle Lerninhalte (z.B. das Produzieren einer Radiosendung mit allen technischen Details) als lustvolle Herausforderung wahrgenommen werden. Auch die Affinität zu digitalen Medien ist gross und damit wächst die Möglichkeit der (globalen) Vernetzung. Dabei präsentieren sich die ausgeübten Aktivitäten so vielfältig wie die Menschen selbst: Künstlerische und soziale Dimensionen sind genauso vertreten wie ökonomische und kulturelle Vorhaben. Das Zeitmanagement spielt eine grosse Rolle: Im Bewusstsein des Privilegs, mehr Alltagszeit zu haben, aber gleichzeitig nicht mehr zu „müssen“, ist die Frage der (temporären) Selbstverpflichtung zentral. Hier erscheint die Wahrung der Autonomie als wichtiger Entscheidungshintergrund: Man will verlässlich sein, aber nicht mehr in die Zwänge des Berufslebens zurückkehren.

Im Weiteren scheint der Zusammenhang zwischen den realisierten Projekten und den biografischen Hintergründen ihrer Eignerinnen und Eigner deutlich auf. Das Einbringen spezifischen Wissens und Könnens ist hier genauso vertreten wie das Sich-Einlassen auf Neues. Dabei entwickelt sich auch Mut zum Risiko: So bleibt z.B. Gründung einer keinen Unternehmung (so wurde unter anderem von einem „Handtaschen-Start up“ berichtet) keine Ausnahme mehr.

 

Grenzen der Projektideen

Nicht alle Wunschvorstellungen werden auch gleich zu konkreten Projektideen. Oft müssen z.B. im Bereich der Partnerschaften Interessen und Bedürfnisse ausgehandelt und miteinander in Einklang gebracht werden. Auch finanzielle Aspekte sind von grosser Bedeutung: So gehören Formen der Honorierung für seine Projekttätigkeit, sei es durch Geld, Zeitgutschriften oder andere Formen der Vergütung ebenfalls zu den Bedingungen, die geklärt sein müssen. Damit wächst die Komplexität von Entscheidungen und bei vielen älteren Menschen der Bedarf an sachkundiger Begleitung, die hilft Auslegeordnungen zu machen, spezifische Umstände zu reflektieren oder Abläufe zu ordnen.

 

Geragogischer Nachdiplomkurs Carpe Diem – Begleitung von Lebensprojekten von Menschen 60+, Beginn 8. April 2016

Vor diesem Hintergrund stösst der NDK „Carpe diem“ der aeB Schweiz  in eine Weiterbildungslücke. Hier lernen Berufsleute der Altersarbeit, aber auch freiwillig Tätige, wie sie älterer Menschen beim Finden, Planen und Umsetzen ihrer individuellen Projekte begleiten können. Das Besondere dieses Angebots besteht darin, dass gesichertes gerontologisches Wissen mit aktuellen themenbezogenen Forschungsergebnissen verbunden und in begleiteten Projektmodulen umgesetzt wird. Auf diese Weise wird der Grundsatz „Science to Practice“ optimal berücksichtigt.

Es hat noch Plätze frei. Die Anmeldemöglichkeiten finden Sie hier.

 

Neues Arbeitsfeld im Bereich der Geragogik

Geht man mit Campiche und Kuzeawu (2014) davon aus, dass die 65 – 80jährigen zur grossen Gruppe der „Vergessenen“ von Bildung und Weiterbildung in der Schweiz gehören, dann muss man den NDK „Carpe diem“ zu einem wichtigen Schritt in die richtige Richtung zählen. Wenn es gelingt, mit professionalisierter Begleitung mehr ältere Menschen dabei zu unterstützen, ihre Ideen alleine oder gemeinsam mit anderen umzusetzen, wird nicht nur dem Anspruch auf lebenslanges Lernen dieser Altersgruppe Rechnung getragen. Darüber hinaus kann sich hier in der Erwachsenenbildung ein neues Arbeitsfeld herausbilden, was kurz- und mittelfristig gute Wachstumsaussichten hat.

 

Literatur

  • Campiche, J., Kuzeawu, A. S. (2014). Adultes aînés: Les oubliés de la formation. Éditions Antipodes. Lausanne.
  • Höpflinger, F. (2015). Wandel des dritten Lebensalters. „Junges Alter“ im Aufbruch. Zugriff am 03.02.2015 unter http://www.hoepflinger.com/fhtop/DrittesLebensalter.pdf
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3 Kommentare zu “Ruhestand war gestern – Senioren verwirklichen Lebensprojekte

  1. Lehren und Lernen im „Unruhestand“

    Die Zahlen sprechen für eine Entwicklung, die in Richtung Geragogik weist. Über 65jähirge wollen aktiv bleiben und ihre Entwicklung bewusst gestalten. Das heisst, Angebote, welche dem „Lernen im Alter“ gerecht werden, werden gefragt sein. Nach der Pensionierung kommt die Zeit, wo man den eigenen Interessen vertieft nachgehen kann. Selbstbestimmung ist zentral für die Lebensgestaltung und will gelebt werden. Die Teilhabe in der Gesellschaft mit freiwilligem Engagement und/oder Neues zu lernen im Sinne von gezieltem Training trägt zur Lebensqualität bei. Den individuellen Entwicklungszielen Platz einräumen heisst aktiv sein. Lehren und Lernen im Unruhestand verspricht eine interessante Zukunft, die bereits begonnen hat und gesellschaftliche Veränderung mit sich zieht.
    Im Buch Didaktische Modelle Jank und Meyer nehmen sie Bezug auf die gesellschaftliche Entwicklung die sich immer mehr beschleunigt. Das Lernen beginnt nicht erst mit dem Eintritt in die Schule, sondern ist ein lebenslanger Lern- und Entwicklungsprozess. (Vgl. Jank und Meyer, 2014, S. 17) Wir denken daher, dass die Senioren weiterhin am Ball bleiben wollen/ müssen um den gesellschaftlichen Entwicklungen mitzugehen. (z. Bsp.technische Kommunikationsmittel, wie E-Mail, SMS usw. )
    „These 1.3: Der Mensch muss lernen, weil er sonst nicht überlegen könnte. Die Gesellschaft als Ganzes muss ebenfalls weiterlernen, weil sie sonst zugrunde ginge.“ (Jank, Meyer, 2014, S.17)
    Quelle: Jank, W., Meyer, H.(2014). Didaktische Modelle. Berlin: Cornelsen.

  2. Lebenslanges Lernen- auch im Seniorenalter
    Das Gehirn kann nicht automatisch abgestellt werden, dieses befindet sich lebenslang in einem Lernprozess. Das untenstehende Bsp. verdeutlichen diesen Aspekt.
    Warum fühl man sich auf einer stehenden Rolltreppe so merkwürdig.
    Das ‚Broken Escaltor` Phänomen, wie Wissenschaftler es nenne, ist ein gutes Beispiel dafür, dass unser Gehirn auf verschiedenen Ebenen funktioniert. Wird wissen zwar, dass die Rolltreppe ausser Betrieb ist. Aber ein anderer Teil unseres Gehirns reagiert wie gewohnt auf den Anblick der Treppe, bereitet unsere Motorik und das Gleichgewichtsrorgan auf das Fahren vor. Die Anpassung ist das Ergebnis eines Lernprozesses, und dieser lässt sich nicht willentlich abschalten. Wissenschaftler vom Londoner Imperial College haben herausgefunden, dass der Effekt bereits nach 20-maligem Fahren eintritt.

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