Der Lehrer ist tot – Es lebe der Lehrberuf!

Den Lehrer oder die Lehrerin gibt es nicht mehr. Der Lehrberuf beschreibt heute ein hoch ausdifferenziertes Berufsfeld mit vielen Facetten und Perspektiven. Dennoch sprechen die Berufsberatung oder der Lehrer/innenverband noch immer vom Lehrer und von der Lehrerin und stehen sich und ihrem Berufsstand für weitere Entwicklungen selber im Weg. Der Blogbeitrag macht ein paar Überlegungen, wie das aufgebrochen werden kann.

«Lehrerin/Lehrer werden» heisst es auf der Homepage der berufsberatung.ch oder bei verschiedenen Pädagogischen Hochschulen. Auch der Dachverband der Lehrerinnen und Lehrer LCH hat in seiner jüngsten Publikation zum Lohn des Lehrers/ der Lehrerin gesprochen. Doch gibt es DEN Lehrer bzw. DIE Lehrerin noch? Stimmt das Image des Lehrers/ der Lehrerin noch mit dem Lehrberuf von heute überein?

Lehrpersonen werden heute an den Pädagogischen Hochschulen ausgebildet. Die künftigen Volksschullehrpersonen steigen in der Regel nach dem Gymnasium ins Studium ein und erhalten ihre Lehrbefähigung nach dem Bachelorabschluss (180 ECTS-Punkten) für den Kindergarten oder die Unterstufe. Lehrpersonen der Sekundarstufe I erhalten ihre Lehrbefähigung nach einem Masterstudium mit 270 ECTS-Punkten. Für die Lehrbefähigung auf Sekundarstufe II (Maturitätsschulen, Berufsfachschulen) ist ein abgeschlossenes Fachstudium auf Tertiärstufe sowie ein berufsbegleitendes ergänzendes «Lehrstudium» im Umfang von 60 ECTS-Punkten notwendig. Mit dem Abschluss des pädagogischen Studiums besitzen die Lehrpersonen das notwendige Bündel an Qualifikationen, um in den Lehrberuf einzusteigen.

Obwohl ein abgeschlossenes Studium berufsbefähigend ist und mit einer staatlichen Lehrbefähigung ausgezeichnet wird, sind Junglehrpersonen Novizen in ihrem Beruf. Durch die praktische Erfahrung, kombiniert mit der theoretischen Reflexion der eigenen Praxis und der damit verbundenen Weiterentwicklung der Kompetenzen, qualifizieren sich Lehrpersonen zu Professionellen. Heute können Lehrpersonen in dieser Entwicklung unterschiedliche Wege gehen, eigene Schwerpunkte setzen und ihren Lehrberuf weitgehend selbst gestalten.

Vom Lehrberuf zum differenzierten Berufsfeld

Die Anforderungen an die Bildung, die Schulen und die Lehrpersonen haben sich nicht nur verändert, sie haben auch stark zugenommen. Eine Folge dieser Veränderungen ist eine Strukturierung der Schule und Ausdifferenzierung des Lehrberufs. Schulen werden heute von Schulleitungen mit Finanz- und Personalkompetenzen geführt, die sowohl die Schul- und Unterrichtsentwicklung oder auch das Qualitätsmanagement führen. Lehrpersonen arbeiten heute nebst ihrer Lehrtätigkeit auch als Projekt- und Teamleitende, als Mentoren für Junglehrpersonen, als Praxislehrpersonen, als Lehrpersonen mit spezifischen Kompetenzen wie IF, DaZIK, Medien und Informatik usw.

Entsprechend bietet das Berufsfeld den Lehrpersonen  vielfältige Möglichkeiten, sich weiterzuentwickeln. Diese Kompetenzen und die für die verschiedenen Aufgaben notwendigen Qualifikationen erlangen die Lehrpersonen nach ihrer Grundausbildung (BA, MA) im Rahmen ihrer Weiterbildungen. Was für Laien ein oft schwer durchschaubare «Wildwuchs» an Weiterbildungsstudiengängen ist, spiegeln die Ausdifferenzierung des Berufsfelds und die Laufbahnmöglichkeiten im Lehrberuf wider. Wesentliche und gut etablierte Laufbahnen für Lehrpersonen liegen in den Bereichen Führung (z.B. CAS Kooperative Schulführung, DAS Schulleiter/in, MAS Schulmanagement), Integrative Förderung (z.B. CAS Integratives Lehren und Lernen, CAS Integrative Unterrichtsentwicklung, MAS Integrative Förderung) oder Fachdidaktiken (z.B. CAS Fachdidaktik Sport, CAS Fachdidaktik Natur und Technik, CAS Bilingualer Unterricht, CAS Deutsch als Zweitsprache).  Zudem bieten die Pädagogischen Hochschulen verschiedene Spezialisierungen (z.B. CAS Berufswahl-Coach, CAS E-Learning Design, CAS Gesundheitsförderung, CAS Klassenlehrer/in) für Regellehrpersonen an.

Attraktiver und mobiler

Diese Ausdifferenzierung des Berufsfelds führt zu einer wesentlichen Attraktivitätssteigerung des Lehrberufs. Lehrpersonen können sich heute nach ihren ersten Jahren als Junglehrpersonen ihren persönlichen Präferenzen oder nach der Nachfragestruktur des Arbeitsmarktes für Lehrpersonen weiterentwickeln. Diese Spezialisierungen und Kompetenzerweiterungen zielen einerseits auf den Kern der Lehrtätigkeit, bringen aber auch Kompetenzen mit sich, die auch auf dem übrigen Arbeitsmarkt nachgefragt werden. Mit den Laufbahnmöglichkeiten – im und über das Berufsfeld des Lehrberufs hinaus – wird das Image des Lehrberufs als Sackgassenberufs durch ein Bild von flexiblen und lernfähigen Hochschulabsolventen/innen abgelöst.

Mehr als ein Brötchenjob

Bei aller Ausdifferenzierung und den Karrieremöglichkeiten im Lehrberuf, bleibt im Kern der wichtige gesellschaftliche Beitrag der Lehrtätigkeit bestehen. Lehrpersonen arbeiten wie kaum eine Berufsgruppe an einer lebendigen Zukunft, die weit über die Förderung von Individuen hinausgeht. Gerade die Beiträge an gesellschaftlicher Kohäsion, Integration des Fremden, Umgang mit Unterschieden usw. hat an Bedeutung und Wertschätzung zugenommen. Immer mehr Personen (Quereinsteiger), die in ihrer Aufgabe einen gesellschaftlichen Beitrag leisten wollen, interessieren sich für die Lehrer/innenbildung. Denn Lehrpersonen können Biografien von Menschen und damit auch die Welt verändern.

Prof. Dr. Jürg H. Arpagaus, Prorektor, PH Luzern

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