Lebensprojekte von Menschen ab 60 begleiten – eine neue Form der Erwachsenenbildung

Das Interesse an erwerbsbezogener Weiterbildung nimmt mit der nahenden Pensionierung ab. Dies leuchtet ein, da sich der Gebrauchswert zusätzlicher Qualifikationen reduziert, je mehr es auf die Beendigung der beruflichen Laufbahn zugeht.

Dies bedeutet aber nicht, dass ältere Menschen die Lust am Lernen verlieren. Auch Pensionierte weisen eine hohe Motivation auf, sich mit Neuem zu befassen, wie in den ersten Analysen des KTI-Projekts „Carpe Diem“ deutlich wurde, das die PH Luzern mit der aeB Schweiz (Praxispartnerin) durchführt. Im Rahmen dieses Vorhabens befragten Forschende der PH Luzern und des Careum Zürich mit Unterstützung des Gerontologen François Höpflinger ausgesuchte Seniorengruppen nach ihren Aktivitäten und Projekten im „(Un)-Ruhestand“. Die Erkenntnisse der qualitativen Erhebung flossen in die Entwicklung des Nachdiplomkurses (NDK) „Carpe diem – Begleitung persönlicher Lebensprojekten von Menschen 60+“ ein, den die aeB Schweiz seit dem Frühjahr 2016 anbietet.¹

Die Untersuchung zeigt aber auch deutlich, dass sich die Erwartungen an Bildungsan-gebote in der nachberuflichen Phase verändern. Weiterbildungen von Pensionierten – gemäss Illeris (2004) oft als „Lebensprojekte“ bezeichnet – sind nicht primär auf künftigen Kompetenzerwerb, sondern eher auf individuelle Entwicklungsziele ausgelegt. Solche Unternehmungen können ganz unterschiedliche Formen annehmen: Hier finden sich der späte Start in eine Selbständigkeit, das Zusammenstellen und Katalogisieren von Kunstwerken aus der eigenen Familie wie auch die Organisation von Kulturevents oder das Gründen eines Radioteams, um nur einige Beispiele zu nennen. Auch das Feld der klassischen freiwilligen und ehrenamtlichen Arbeit wird bestellt; viele Senioren siedeln ihre Projekte im sozialen Bereich, z.B. in der Flüchtlings- und Jugendhilfe an.

Die inhaltliche Bandbreite scheint also unbegrenzt zu sein. Dabei lassen sich Initiativen Einzelner genauso ausmachen wie Gruppenaktivitäten. Aber noch lange nicht jede Idee wird zum Plan, und nicht jeder Plan gelangt zur Umsetzung. Manchmal kommen gute Ansätze über das „Embryonalstadium“ nicht hinaus. Dies wirft beispielsweise folgende Fragen auf:

  • Welche Bedingungen müssen erfüllt sein, damit ein nachberufliches Lebensprojekt „zum Laufen“ kommt?
  • Welche Art von Begleitung von aussen (z.B. Projekt-Coaching) erhöht die Erfolgschancen?

 

Aus den Auswertungen der Gruppeninterviews, die im Rahmen des KTI-Projektes „Carpe-Diem“ durchgeführt wurden, lassen sich einige grundsätzliche Überlegungen ableiten:

  • Die Generation von Menschen, die heute ins Pensionsalter eintreten, hat die „Multioptionsgesellschaft“ (Gross 1996) wesentlich mitgestaltet. Sie ist anspruchs-voll und selbstbewusst. Menschen in der nachberuflichen Phase setzen ihren akti-ven Lebensstil oft fort – legen dabei aber grossen Wert auf das neue Privileg der „grundsätzlichen Entpflichtung“: Obwohl sie nach wie vor bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, tun sie das oft nur für überschaubare Zeitabschnitte, um an-
    schliessend neu über die Weiterführung ihres Engagements zu entscheiden.
  • Zentral ist die individuelle Sinnstiftung, die aus einem Projekt gezogen wird und die sich aus dem Lernen von Neuem, dem Einbringen von bereits erworbenen Kompe-tenzen, aus der Unterstützung von anderen oder schlicht aus Spass nähren kann. Die Aktivitäten müssen in jedem Falle „passen“; hier werden – ganz im Unterschied zu beruflichen Kontexten – keine Kompromisse gemacht.
  • Lebensprojekte verstehen sich oft als Experimentierfelder. Dieser Lernform muss eine Begleitung von aussen besonders Rechnung tragen. Ältere Projekteigner sind offen für Unterstützung, aber nicht in der Form belehrender und auf Effizienz ausge-legter Interventionen, sondern eher in der Art einer „Spielwiese“, auf der Begleiten-de mehr „nebenbei“ mitmachen, die Rahmenbedingungen hüten und Hinweise ge-ben, wenn sie danach gefragt werden.

 

Hier tut sich ein neues anspruchsvolles Betätigungsfeld für erwachsenenbildnerisch Interessierte auf, das mit den zunehmenden Pensionszahlen der „Baby-Boomer“ noch breiter werden dürfte…

Offen bleibt aber die Frage, ob und wie sich Personen mit einem geringen Bildungsstand und ohne eigene „Weiterbildungsbiografie“ nach ihrer Erwerbstätigkeit weiterentwickeln.

Prof. Dr. Robert Langen

Literatur

Gross, P.(2002). Die Multioptionsgesellschaft. Edition Suhrkamp. Frankfurt a. M.

Illeris, K. (2004). Adult Education and Adult Learning. Malabar, Florida: Krieger.

¹Der nächste Diplomkurs Carpe Diem bei der aeB Schweiz startet am 31. März 2017. Der Lehrgang bildet auf der Grundlage von Geragogik, Projektmanagement und Coaching die Teilnehmenden für die Realisation eigener Vorhaben und die Begleitung älterer Menschen bei der Umsetzung ihrer Projekte aus. Weitere Informationen finden Sie hier: http://www.aeb.ch/33-ich-berate/inhalt/101-carpe-diem-ndk-coaching-von-lebensprojekten.html.

Share on FacebookTweet about this on Twitter

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*
*