Männer an die Primarschule – oder wie Geschlechtersegregation reduziert wird

Auf der Kindergarten- und Primarstufe sind die Lehrerinnen überproportional stark vertreten. Diese „Feminisierung“ – oder besser diese Geschlechtersegregation ist mehrerer Hinsicht unerwünscht. Die vom Eidgenössischen Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann (EBG) geförderte Initiative „Männer an die Primarschule“ will diesem Umstand entgegnen. Die PH Luzern leistet mit der Weiterbildung „Fördern statt kanalisieren. Gendersensible Vermittlung von Berufs- und Studienwahlkompetenzen“ einen Beitrag.

Der Alltag zeigt, dass die Lehrpersonen im Kindergarten weiblich und die Verwaltungsratsmitglieder von Unternehmen männlich sind. Befinden sich überproportional viele Männer oder Frauen in einem Beruf, dann wird von einer horizontalen Geschlechtersegregation gesprochen. Wenn hingegen ein Geschlecht überproportional oft in einer höheren – oder tieferen – Position zu finden ist, handelt es sich um eine vertikale Geschlechtersegregation.

Beim Lehrberuf stellt sich die Frage, ob es sich um eine horizontale oder vertikale Geschlechtersegregation handelt: Der Frauenanteil nimmt mit höherer Schulstufe ab. Im Kindergarten sind die Frauen über- und an den Hochschulen sind sie als Professorinnen untervertreten. Diese Ungleichverteilung zeigt sich auch bei den PH-Studierenden. Auf der Unterstufe finden sich mehr weibliche als männliche Studierende. Der Anteil der männlichen Studierenden nimmt mit zunehmender Schulstufe zu.

Auch der Schulalltag ist von einer Geschlechtersegregation betroffen, so lassen sich beispielsweise geschlechtsstereotype Aufgabenteilungen identifizieren. Maihofer et al. (2013) weisen darauf hin, dass Lehrpersonen im Teamteaching oder im Kollegium im Schulhaus die Aufgaben untereinander nach Geschlechterrollen aufteilten. So übernehmen Männer eher Planungs- und Organisationsaufgaben, während Frauen eher zuarbeitende Aufgaben übernehmen.

In der öffentlichen Diskussion wird zudem argumentiert, dass sich die „Feminisierung der Schule“ auf die Bildungschancen und den Schulerfolg der Jungen/Knaben auswirkt. Wissenschaftlich kann diese These jedoch kaum gestützt werden (vgl. Helbig, 2011). Dennoch muss die Geschlechtersegregation in mehrerer Hinsicht gesellschaftlich und (gleichstellungs-)politisch als problematisch betrachtet werden.

Das Problem dabei…

Die Geschlechtersegregation ist gemäss Abraham und Arpagaus (2008) in dreierlei Hinsicht problematisch: Erstens werden grundlegende Gleichheitsgrundsätze verletzt, zweitens wird gegen allgemein verankerte Normen sozialer Gerechtigkeit verstossen und drittens entstehen aufgrund suboptimaler Allokation von Arbeitskräften Ineffizienzen. Segregierte Berufsstrukturen signalisieren zudem symbolisch-kulturelle Grenzen der Geschlechtsangemessenheit von Berufen, wie auch existierende Zugangsbarrieren für die einzelnen Geschlechtergruppen. Diese Signale beeinflussen wiederum die Präferenzbildung, was zu einer Reproduktion oder sogar Verstärkung der Segregation führt.

Werden Berufe als geschlechtstypisch wahrgenommen und interpretiert, dann verändert sich auch der Sozialstatus des Berufs, „da weibliche Geschlechtsmuster nicht mit Stärke, Dominanz, Durchsetzung und Macht verbunden sind.“ (Thiessen & Tremel, 2015, S. 73). Bei der Abwertung von „Frauenberufen“ handelt es sich nicht um die unterschiedliche Bewertung geschlechtsspezifischer Fähigkeiten, sondern um Ausgrenzungsprozesse (Lemmermöhle 2003). Wo es sich für Frauen oftmals lohnen kann, einen geschlechteratypischen Beruf zu wählen, geht dies für Männer eher mit einem Statusverlust einher (Maihofer et al. 2013).

Unterstützung bei der Berufs- und Studienwahl in der Schule ist zentral

Der unerwünschten Geschlechtersegregation auf dem Arbeitsmarkt kann mit einer gendersensiblen Unterstützung während des Berufs- und Studienwahlprozesses begegnet werden. Die Berufs- und Studienwahl stellt hohe Ansprüche an die Betroffenen. Dies auch weil die Zeit der Berufswahl in der Schweiz mit alterstypischen Entwicklungsveränderungen verbunden ist, die hohe Ansprüche an ihre Bewältigungskompetenz stellen. „Jugendliche müssen nicht nur ihre berufliche Zukunft planen, sondern auch ihre Peer-Beziehungen auf eine neue Basis stellen, sich von ihren Eltern ablösen, zu einer sexuellen Identität finden, eine politische Haltung aufbauen etc.“ (Herzog et al., 2006, S. 47).

Berufswahl bedeutet, etwas Stimmiges für sich selbst zu finden. Eine geschlechteruntypische Berufswahl erfordert andere und zusätzliche Ressourcen als eine geschlechtertypische Berufswahl. Entsprechend müssen auch mehr oder explizitere Unterstützungsleistungen vom Umfeld erbracht werden, damit der Berufswunsch umgesetzt werden kann. Qualifizierte Mentoren und Mentorinnen für Jugendliche mit einem geschlechtsuntypischen Berufswunsch spielen dabei eine wichtige Rolle. Sie funktionieren u.a. als Gatekeeper und ermöglichen den Schüler/innen auch den Zugang zu geschlechtsuntypischen Berufen und Studiengängen.

Untersuchungen zeigen, dass Lehrpersonen im berufsorientierenden Unterricht den Fokus auf Berufe legen, die einem Geschlecht zugeordnet werden können (Faulstich-Wieland & Scholand, 2016). Zudem fördern Lehrpersonen und Berufsberatende in ihrer Mentorenrolle die geschlechtsuntypische Berufswahl von Jugendlichen kaum. So berichten Schüler/innen, dass die Lehrpersonen und Berufsberatenden nicht auf ihre Berufswünsche eingegangen sind, respektive eher versuchten, sie von geschlechtsuntypischen Berufen abzubringen. Dies führt dazu, dass sich Schüler/innen, mit geschlechtsuntypischer Berufswahl von ihren Lehrpersonen oft nicht ernst genommen fühlen (Schwiter et al., 2014).

Gendersensible Vermittlung von Berufs- und Studienwahlkompetenzen

Gerade weil der geschlechtersegregierter Arbeitsmarkt unerwünscht ist, müssen Jugendliche mit einem geschlechtsuntypischen Berufswunsch stärker unterstützt und die Auseinandersetzung mit geschlechteruntypischen Berufen gefördert werden. Das heisst aber auch, dass alle Jugendlichen über die Kompetenzen verfügen müssen, im Rahmen ihres Berufs- und/oder Studienwahlprozesses mit den Hürden und Chancen eines geschlechtsuntypischen Berufs konstruktiv umgehen zu können. Diese Kompetenzen können sie nur erlangen, wenn die Lehrperson der „beruflichen Orientierung“ – oder Klassenlehrperson – bezüglich der Genderproblematik des Berufs- und Studienwahlprozesses wie auch des Arbeitsmarktes sensibilisiert, kompetent und entsprechend qualifiziert sind. Lehrpersonen aller Stufen können durch eine gendersensible Vermittlung von Berufs- und Studienwahlkompetenzen einen Beitrag dazu leisten, dass künftig mehr Männer an den Primarschulen und mehr Professorinnen an den Hochschulen tätig sind.

 

Melanie Bucher, Wissenschaftliche Mitarbeiterin Abteilung Weiterbildung Volksschule

Janine Gut, Abteilungsleiterin Berufs- und Weiterbildung Sek II & Tertiär

 

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