Buchreview: Ausgeflaust? – Jugendliche führen

Das neu im hep Verlag erschienene Buch Ausgeflaust? – Jugendliche führen von Michael De Boni und Esther Lauper stellt die Komplexität des Themas Classroom Management dar und gibt Lehrpersonen viele nützliche Checklisten zur Hand. Das Einsteigerbuch macht gwundrig, mehr zu den eingeführten Themen zu erfahren.

Als ich vor etwa drei Jahren zum ersten Mal am Berufsbildungszentrum Bau und Gewerbe (BBZB) in Luzern bei einer Klasse von 24 Elektroinstallateuren in einem Blockkurs unterrichten durfte, war ich eine halbe Stunde vor Unterrichtsbeginn anwesend. Denn ich musste noch den Laptop installieren, eine Videopräsentation vorbereiten und die Agenda des Vormittags auf ein Flipchart schreiben. Versunken in der Vorbereitung wie ich war, kommt ein junger Mann auf mich zu und streckt mir die Hand zur Begrüssung entgegen. Etwas überrascht und erstaunt begrüsste ich den jungen Mann und ich wechselte ein paar Worte mit ihm. Mehr und mehr junge Männer traten ein und kamen zu mir, um mich per Handschlag zu begrüssen. Ich habe diese höfliche, respektvolle und beziehungsorientierte Kultur auch im Unterricht, im Lehrerzimmer wie auch in der Mensa erfahren. Doch Monate später wurde ich von dem Fachbereichsleiter angefragt, ob die PH Luzern für die Lehrpersonen in dem Schulhaus eine Weiterbildung zum Thema „Klassenführung und Disziplin im Unterricht“ durchführen könnte. Woher kam nur diese Diskrepanz? Mit dieser Frage im Hinterkopf ging ich an die Lektüre.

Mit dem neu im hep Verlag erschienen Buch Ausgeflaust? –Jugendliche führen von Michael De Boni und Esther Lauper ist ein Studienbuch für künftige und gestandene Lehrpersonen der Berufsfachschulen erschienen. Das gut 200 Seiten umfassende Arbeitsbuch zum Thema „gelingendes Classroom Management“ ist in zehn Kapitel eingeteilt und ist voll mit Aufgaben für das Selbststudium, Reflexionsarbeiten, hilfreichen Checklisten und persönlichen Statements von neun Berufsfachschullehrpersonen. Die Kapitel sind kurz und übersichtlich gestaltet und die Texte sehr einfach gehalten. Die vereinzelt auftretenden Fachbegriffe werden erläutert, sodass das Arbeitsbuch auf für Einsteiger/innen geeignet ist.

Ausgehend von der Begriffsbestimmung „Classroom Management“ und dem Spannungsfeld in der Klassenführung „Ordnungs- oder Beziehungsorientierung“ werden Themen wie die professionelle Grundhaltung der Lehrpersonen, Kooperation in der Klasse, Erhöhung der Lernfokussierung, binnendifferenzierter Unterricht sowie die zwei Aspekte Prävention und Intervention bearbeitet. Die Autoren weisen eingangs auf die Komplexität des Themas hin und wollen vor allem Impulse zu den unterschiedlichen Fragen des Classroom Managements geben.

Die Inhalte können sehr gut als Heuristiken für den Alltag genutzt werden. Die reichhaltigen Checklisten, Tabellen und Fragebatterien erlauben es, in einer einfachen Art und Weise, sich den komplexen Alltagssituationen anzunähern. Vereinzelt wird angedeutet, wie sich diese Heuristiken herausgebildet haben. Der Umfang an Aufzählungen, das Sowohl-als-auch, wie auch die vielen normativen Setzungen haben mir als Leser zwar Impulse gegeben, mich aber oft in Entscheidungen alleine gelassen. Ich hätte mir gewünscht, dass anstelle – oder ergänzend – zu den vielen Aufzählungen, jeweils ein Kern herausgearbeitet und vermittelt worden wäre, der es mir jederzeit erlaubt, die Fragen, Aspekte, Kriterien usw. selber abzuleiten. Gerade für Lehrpersonen, die in komplexen Alltagssituationen im Unterricht entscheiden und agieren müssen, sind fundamentale Theorien äusserst praktisch.

Auf der Suche nach einer Antwort auf die von mir wahrgenommene Diskrepanz zwischen der erlebten Unterrichts- und Schulkultur und dem Wunsch des Fachbereichs nach einer Weiterbildung in Klassenführung, habe ich in dem Arbeitsbuch einige Hinweise gefunden, die nun eine vertiefte Auseinandersetzung verlangen. Mit dem Lesen des Buchs hat sich das Classroom Management noch nicht verändert. Es hat aber Impulse gegeben, sich mit einzelnen Aspekten im eigenen Unterricht systematischer auseinanderzusetzen und in der Praxis verschiedene Ansätze auszuprobieren, anzupassen, wieder zu probieren und sich so Schritt für Schritt weiterzuentwickeln. Einmal mehr komme ich zum Schluss, dass Lehren ein ständiger Lernprozess ist.

Prof. Dr. Jürg H. Arpagaus, Prorektor, PH Luzern

Twitter: @juergarpagaus

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