Lernen im Alter

Wie ist es eigentlich mit der Lernfähigkeit ab der Lebensmitte, oder noch später, ab der Pensionierung bestellt? Nun, die Faktenlage ist eindeutig: Die Lernfähigkeit ist zeitlebens gegeben, Wissen und Erfahrungen nehmen zu, lediglich die Lerngeschwindigkeit verlangsamt sich.

Power-Leistung versus Speed-Leistung

Wer kennt das nicht: Die Kinder und Enkelkinder sind um ein Vielfaches schneller beim Memory-Spiel. Und auch anderes lernen sie rascher, wie etwa ein neues Handy zu bedienen. Das ist die Speed-Leistung („fluide Intelligenz“). Kinder und Jugendliche sind da klar im Vorteil. Bereits ab etwa 22 nimmt die Verarbeitungsgeschwindigkeit ab. Ab 45 werden wir deutlich langsamer. Die gute Nachricht: Je älter wir werden, über desto mehr Weltwissen verfügen wir. Wir erkennen Zusammenhänge besser, können breit vernetzen, Komplexität vereinfachen, Regeln und Muster erkennen. Reflektierte und optimierte Lernstrategien kompensieren zudem die verringerte Geschwindigkeit. Das ist die Power-Leistung („kristalline Intelligenz“). Sie nimmt zeitlebens zu.

Lebenslang lernen – mehr als ein Schlagwort der Bildungsanbieter?

Vor einigen Tagen war ich beim Zahnarzt. Die Weisheitszähne sollen rausoperiert werden, meinte er. Er schickte mich für das dreidimensionale Röntgen zu einem Spezialisten. Dort öffnete mir ein älterer Herr die Tür und bat mich im Wartezimmer Platz zu nehmen. Ich dachte mir, dass der Vater des behandelnden Arztes in der Praxis mithelfe. Doch mein Vorurteil bestätigte sich nicht. Es war der Röntgenfachmann selbst. Ich war leicht beunruhigt und fragte mich, wie er wohl seine Arbeit mit diesen Geräten ausführen würde. Weiterlesen

Prüfungen im Alter

Erwachsenenbildner/innen sind immer wieder auch mit der Frage des „Lernens auf Prüfungen“ konfrontiert. Sie wissen, dass sich viele Erwachsene ab dem mittleren Lebensalter schwer mit Prüfungen tun. Die PH Luzern mit der Abteilung Erwachsenenbildung kennt das Problem und hat Antworten und Strategien dazu.

Radio SRF 1 fragte mich an, ob ich in den Sendungen „Treffpunkt“ und „Ratgeber“ als Experte mitwirken würde. Als Thema seien „Prüfungen im Alter“ vorgesehen. Was mit „Alter“ gemeint sei? Ab etwa vierzig, sagte die Organisatorin am Telefon. Der Redaktor meinte: ab ca. fünfzig. Die beiden rechneten jeweils rund 10 Jahre zu ihrem eigenen Alter dazu. Nun, Alter ist relativ. Als zentrale Frage kristallisierte sich heraus: Wie können Erwachsene in Aus- und Weiterbildungen Prüfungen erfolgreich bestehen, wenn sie im Erwerbsleben stehen und den Schulkontext schon seit einiger Zeit hinter sich gelassen haben? In den beiden Sendungen wurden die Lernfähigkeiten Erwachsener und Tipps für die Prüfungsvorbereitungen thematisiert.

Die Lernfähigkeiten Erwachsener verändern sich

Nach einigen Jahren Berufspraxis oder Familienleben sind Erwachsene Prüfungen in Aus- und Weiterbildungen meist nicht mehr gewohnt. Das kann verunsichern. Man weiss nicht mehr, wie es um die eigene Lern- und Leistungsfähigkeit in Bezug auf Prüfungen bestellt ist. Das kann eine Bootsprüfung, eine höhere Fachprüfung oder ein Leistungsnachweis in einer Weiterbildung sein. Die Frage kann auch dann auftauchen, wenn die selben Erwachsenen berufliche und familiäre Herausforderungen kompetent meistern. Weiterlesen

Realto – die Plattform für vernetzte Berufsbildung

An der SBFI-Herbsttagung vom 15.11.2016 entdeckt: Die Lernplattform REALTO für die berufliche Bildung. Die zentrale Unterschiede zu den herkömmlichen Lernplattformen: Sie ist speziell für die Verbindung der drei Lernorte Schule, Betrieb und überbetriebliche Kurse konzipiert sowie auf die Interessen und digitalen Gewohnheiten der Lernenden ausgerichtet.

Die Präsentation am Marktstand der SBFI Herbsttagung hat mich von REALTO überzeugt. Die Einstiegs-Hürden sind niedrig, Risiken sind keinefeststellbar und der Nutzen ist hoch. Dazu kommt – was alle Finanzverantwortlichen besonders freuen wird – : den Berufsfachschulen, Ausbildungszentren oder Betrieben entstehen keine Kosten für die Nutzung der Plattform. Denn REALTO ist Teil des SBFI-geförderten Forschungsprojekts „Leading House DUAL-T“ .

REALTO bietet den Lernenden und Berufsbildungsverantwortlichen eine gemeinsame Lernplattform, um…

  • Erfahrungen von den verschiedenen Lernorten festzuhalten (digitale Lerndokumentation)
  • Erfahrungen und verschiedene Arten von Wissen zu verbinden
  • systematisch zu reflektieren
  • Akteure der verschiedenen Lernorte zu verbinden

Die Betreiber beschreiben REALTO als Plattform der nächsten Generation für die berufliche Bildung. Weiterlesen

Erwachsene sind lernfähig, aber unbelehrbar

Siebert’s Aussage „Erwachsene sind lernfähig, aber unbelehrbar“ (2009, S. 35) pointiert das Lernen Erwachsener. Erwachsene unterscheiden sich beim Lernen insbesondere dadurch von Kindern und Jugendlichen, dass sie ein gefestigteres Selbst haben, je älter sie werden, dass sie einen immer grösser werdenden Erfahrungsschatz besitzen, dass sie sich bestimmte Handlungspraktiken angeeignet haben, dass sie über viele Erfahrungen verfügen und dass ihre persönliche und berufliche Identität stabil(er) und gefestigt(er) ist. Beim Gestalten von Lernarrangements von Erwachsenen sind insbesondere deren Erfahrungen, Interesseen und Deutungsmuster einzubeziehen.

Das Lernen als solches unterscheidet sich bei Erwachsenen nur graduell vom Lernen von Kindern oder Jugendlichen, wohl aber sind die Erwartungen an organisierte Lehr-/Lernsituationen unterschiedlich. Erwachsene erwarten, dass ihre Erfahrungen einbezogen werden und ihr Interesse berücksichtig wird. Das trifft insbesondere auf den betrieblichen Weiterbildungskontext zu. Wird dies seitens der Kursleitung versäumt, ist mit aktivem oder passivem Widerstand zu rechnen. Weiterlesen

Neugier und Lernen

Neugier beim Lernen macht Spass. Wir lernen zudem rascher und nachhaltiger. Eine neurowissenschaftliche Studie legt nahe, dass sich diese Neugier dabei nicht zwingend auf den zu lernenden Stoff beziehen muss. Es reicht aus, wenn wir uns im Zustand der Neugier befinden. Können diese Erkenntnisse für den Unterricht genutzt werden?

Neugier, Emotion und Lernen sind eng miteinander verbunden. Wenn sich Lebewesen im Zustand der Neugier befinden, lernen sie rascher und nachhaltiger. Das gilt für Tiere genauso wie für Kinder, Jugendliche oder Erwachsene. Neugier ist essentiell wichtig für unser Überleben. Dank ihr gewinnen wir neue Erkenntnisse, finden heraus, welches Gewürz dem Gericht seinen besonderen Gout verleiht, wer eine Goldmedaille beim Strandvolleyball gewonnen hat und wie ein Haus gebaut wird. „Die Neugier ist der Motor aller Neuerungen, sie hat uns das Feuer, Penicillin und die Mondfahrt gebracht.“ (Fellmann & Krause, 2015).

Eine neurowissenschaftliche Studie der University of California in Davis belegt, dass Neugier das Gehirn in einen ganz speziellen Zustand versetzt. Es saugt im Neugiermodus auch Informationen auf, die mit dem neugiererzeugenden Thema gar nichts zu tun haben. Im Zustand der Neugier wird der Nukleus accumbens aktiviert. Diese nussgrosse Struktur mitten im Gehirn ist Teil unseres Belohnungssystems. Dieses tritt in Funktion, wenn wir z.B. neugierig die Antwort auf eine uns interessierende Frage erwarten. Dann schüttet der Nukleus accumbens  den Botenstoff Dopamin aus. Die Antwort sollte neu sein. Noch besser ist es, wenn sie unerwartet ist. Es sei jedoch gewarnt: Dopamin ist eine Droge und kann süchtig machen.

Die zugrundeliegende biologische Funktion: Eine hohe Aufmerksamkeit auf neue und v.a. unerwartete Informationen bildet einen Überlebensvorteil. Diese genetisch angelegte Eigenschaft nutzen alle News-Apps. Wenn ein Zeichen erklingt, dass eine neue Mail eingegangen ist oder eine neue Zeitungsmeldung vorliegt, fällt es schwer, den Blick nicht sogleich auf das Smartphone zu richten.

Was könnte das für den Unterricht bedeuten? Wenn das Thema, das Sie zu vermitteln haben, keinerlei Interesse zu wecken vermag, wie auch immer Sie das Thema aufbereiten, dann erzeugen Sie mit etwas anderem Neugierde. Vielleicht lassen Sie Lerngruppen  Fragen zu Themen ausserhalb des Schulkontextes formulieren, auf die niemand Antwort weiss und deren Antwort alle brennend interessiert. Oder Sie selbst stellen solche Fragen. Die entstandene Neugier darf jedoch nicht gleich durch eine Antwort befriedigt werden. Da müssen sich die Lernenden vorerst gedulden. Vermitteln Sie nun Ihr Thema oder lassen Sie die Lernenden einen Stoff bearbeiten. Die Auflösung der Frage darf erst im Anschluss erfolgen. Optimal ist, wenn die Antwort nicht den Erwartungen entspricht. Dann verstärkt sich die Dopamin-Ausschüttung. Das in der Zwischenzeit bearbeitete Thema wird rascher und nachhaltiger abgespeichert.

Im MAS in Adult and Professional Education (MAS A&PE) erzählte neulich ein Teilnehmer zu diesem Thema, dass sein Sekundarlehrer vor vielen Jahren seine Schulmappe auf den Tisch gestellt habe und die Schüler habe raten lassen, was drinnen sei. Die Auflösung kam erst am Schluss der Lektion. In der Zwischenzeit erklärte er ihnen komplizierte Mathe-Formeln. Die Studie existierte damals noch nicht, wohl aber findige Lehrpersonen, welche mit dem Neugiertrieb experimentierten.

Das Beste ist natürlich, wenn Sie das zu erarbeitende Thema so aufbereiten, dass es neugierig macht. Geben Sie aber auch hier nicht gleich die Antwort, sondern lassen Sie die Lernenden selbst das Thema erforschen.

Donatus Berlinger, Abteilungsleiter Erwachsenenbildung

 

Leseanregungen

Fellmann , M. & Krause, T. 2015). Was gibt’s denn da zu gucken. Süddeutsche Zeitung.

Spitzer, M. (2009). Neugier und Lernen. Nervenheilkunde 9. 

Spitzer, M. Glück im Gehirn (Video).

Zelbig, D. (2016). Warum Neugier manchmal weh tut. Spektrum der Wissenschaft.