Kadertagung «Lehrplan 21 und Sekundarstufe II» – Das Gespenst der Kompetenzorientierung

Mit dem Lehrplan 21 ist die Kompetenzförderung zu einem zentralen Paradigma der Unterrichtsentwicklung geworden. In den kommenden Jahren werden Jugendliche in die Sekundarstufe II übertreten, die noch mehr als bisher erweiterte Lehr- und Lernformen kennengelernt haben und gute Informatikkenntnisse besitzen. Sie fordert Mittelschulen und Berufsfachschulen methodisch-didaktisch, aber auch von den Lerninhalten heraus. An einer Kadertagung in Luzern ging man diesen Herausforderungen nach. Eine zentrale These: Der Begriff der Kompetenzorientierung markiert keinen Entwicklungsbruch, sondern bildet Ausdruck und Katalysator für die Weiterentwicklung von Schule.

(Text Daniel Fleischmann)

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Ein Gespenst geht um in den Schulen der Schweiz, das Gespenst der Kompetenzorientierung. Es löst, wie der Kommunismus im Marx-Zitat, Emotionen aus, Hoffnungen und Befürchtungen, Zustimmung und Skepsis. Als sie ihre «Kadertagung Lehrplan 21 und Sekundarstufe II» planten, hatten die Veranstalter auf 70 Teilnehmende gehofft – am Schluss kamen 150 an die PH Luzern, rund zwei Drittel davon aus den Gymnasien. Eingeladen hatte die Schweizerische Konferenz der Weiterbildungsverantwortlichen der Sekundarstufe II. Im Zentrum der Tagung standen ein Referat von Kurt Reusser, emeritierter Professor für Erziehungswissenschaft (Universität Zürich), fünf Workshops sowie zwei moderierte Gesprächsrunden.

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Katalysator der Unterrichtsentwicklung

In seinem Einstiegsreferat (vgl. Hinweis auf Schluss dieses Textes) erwies sich Kurt Reusser als überzeugter Vertreter der Neuerungen des Lehrplans 21. Seine Hauptthese: Das Paradigma der Kompetenzorientierung des Lehrplans 21 diene als Leitidee zur Umschreibung einer modernen, fachliche und überfachliche Inhalte umfassenden Bildungszielsetzung. Er markiere keinen Paradigmenwechsel, sondern bilde Ausdruck und Katalysator für die Weiterentwicklung von Schule. Der Grundgedanke: Der «Erwerb der fachlichen Kompetenzen in den Fachbereichen und Modulen geht stets einher mit der Ausbildung überfachlicher Kompetenzen», wie es im Lehrplan 21 wörtlich heisst. Lernen erzeugt also Wissen, aber fördert auch Fähigkeiten wie genau beobachten, miteinander diskutieren oder selbständig erkunden. Moderner Unterricht spreche stets beide Kompetenzbereiche an und leiste damit einen Beitrag zu einer breiten Allgemein- und Persönlichkeitsbildung.

Was so einfach klingt, macht die Unterrichtsvorbereitung anspruchsvoller. In der «didaktischen Analyse als Kern der Unterrichtsvorbereitung» gemäss Klafki müssten Lehrpersonen künftig neben dem Fachlichen bewusst auch überfachliche Aspekte bedenken und entsprechende Lernschritte planen. Das führe zu Fragen wie diesen: Welches ist das Potenzial – der Bildungs- oder Kompetenzwert – einer Aufgabe, eines Stoffs oder eines Arbeitsauftrags? Welche Bearbeitungs- und Sozialformen wähle ich? Welche fachlichen und überfachlichen Kompetenzen lassen sich am Gegenstand fördern? Solche Fragestellungen rückten den Begriff des kompetenzorientierten Unterrichts in die Nähe des «verständnistiefes Lernens»: Er schaffe Gelegenheiten zum Durchlaufen vollständiger Lernzyklen, wie Hans Aebli sie beschrieben habe.

Auf dem Weg dahin gebe es viele Schwierigkeiten zu meistern, so Reusser, wie sie sich beispielsweise in der Evaluation des selbst organisierten Lernens im Kanton Bern gezeigt hätten. Einer der wichtigsten sei die individuelle Lernunterstützung. Wer es gewohnt sei, fragend-entwickelnden Klassenunterricht durchzuführen, tue sich vermutlich schwer, im alltäglichen Unterricht das Schülerlernen adaptiv und kompetenzfördernd zu unterstützen und informative Rückmeldungen zu geben. Hier sei noch ein langer Weg zu gehen – auf Sekundarstufe II noch mehr als auf Sekundarstufe I.

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Berufsfachschulen schon auf dem Weg

An den Gymnasien beginnt man sich erst zögerlich mit den Auswirkungen des Lehrplans 21 zu beschäftigen – Kurt Reusser beobachtet «Widerstände und Skepsis». Demgegenüber hat die Kompetenzorientierung in der Berufsbildung bereits eine längere Tradition: Bei der Formulierung von Bildungsverordnungen und Bildungsplänen ist sie grundlegend – im «Handbuch Verordnungen» ist die Rede von beruflichen Handlungskompetenzen, die aus Fachkompetenzen, Methodenkompetenzen und Sozial- und Selbstkompetenzen zusammengesetzt sind. Ebenso bildet die Kompetenzorientierung den Angelpunkt des Lehrplans des allgemeinbildenden Unterrichts (ABU). In seinem Konzept heisst es: «Die Förderung der Sprach-, Selbst-, Sozial- und Methodenkompetenz bildet zusammen mit dem Aufbau von Sachkompetenz den Kern des allgemeinbildenden Unterrichts.»

Dennoch ist das Paradigma für die Berufsfachschulen bis heute eine Herausforderung geblieben. Pavel Novak, Fachdidaktik-Dozent an der Pädagogischen Hochschule St. Gallen: «Gerade im ABU mit drei Wochenlektionen stösst ein methodisch und didaktisch differenzierter Unterricht immer wieder an stundenplanerische und teilweise auch räumliche Grenzen. Eigentlich würde ein kompetenzorientierter Unterricht eine ganz andere Unterrichtsorganisation etwa in Blöcken erfordern.» Dass die Entwicklung von entsprechenden Prüfungen noch in den Kinderschuhen steckt, ist ebenfalls kein Geheimnis.

Die Frage nach den Auswirkungen des Lehrplans 21 stellt sich für Berufsfachschulen und Gymnasien zudem auf inhaltlicher Ebene. So ist zu erwarten, dass die Lernenden dank des Faches «Natur-Mensch-Gesellschaft» (NMG) künftig besser als bisher Bescheid über wirtschaftliche oder ethische Themen wissen. Gleiches gilt für das neue Fach «Medien und Informatik», dem je nach Kanton zwar unterschiedliches, aber im Vergleich zu den bisherigen Lehrplänen bedeutend grösseres Gewicht beigemessen werden wird. Inhaltlich geht es dabei um Fragen der Informatik, der Medienbildung sowie der Anwendungskompetenzen. Die damit verbundenen Veränderungen sind, wie im Rahmen eines Workshops Professor Ralph Kugler (Pädagogische Hochschule St. Gallen) ausführte, einschneidend; Er sprach von einer massiven Stärkung der Informatik, welche einen hohen Ausbildungsaufwand auslöse. Die Lehrpersonen der Sekundarstufe I hätten weder das fachliche noch das fachdidaktische Wissen, um den Fachbereich der klassischen Informatik zu unterrichten. Dazu komme, dass «Medien und Informatik» auch auf alle anderen Fächer ausstrahle und deren Lehrpersonen herausfordern. Grund: Der Lernbereich der «Anwendungskompetenzen» ist nicht im Rahmen des Faches «Medien und Informatik» selber eingebunden, sondern als transversale Aufgabe in den weiteren Fachbereichen wie Deutsch, Mathematik oder Gestalten zu integrieren. «Diesen Gedanken wird auch die Sekundarstufe II aufnehmen müssen», so Kugler.

Dass der Lehrplan 21 auch auf Sekundarstufe II rezipiert werden und zu Anpassungen führen muss, stand für die Teilnehmenden der Kadertagung ausser Frage. Dass man dabei auch mit gewisser Gelassenheit agieren kann, machte Kurt Reusser am Schluss der Podiumsdiskussion deutlich: Lehrpläne seien, insbesondere im Vergleich zum didaktischen Vermögen der Lehrperson und dem von ihr erzeugten Lernklima, relativ schwache Prädiktoren für die Qualität des Unterrichts.

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Den Vortrag von Kurt Reusser finden Sie auf der Website der Schweizerischen Gesellschaft für angewandte Berufsbildungsforschung (SGAB)

An der Herbsttagung der Berufsbildung 2017 gehört: „Eltern kennen die Berufsbildung zu wenig“

Der Vergleich zwischen dem gymnasialen Weg und dem Berufsbildungsweg bewegt seit Jahren die Gemüter der Berufsbildung. Die Diskussion wird oft ohne Berücksichtigung der meritokratischen Logik unseres Bildungssystems geführt. Eine Aussage an der Herbsttagung der Berufsbildung 2017 hat mich zu folgenden Gedanken angeregt.

„Die Eltern kennen das Berufsbildungssystem zu wenig, deshalb wollen sie für ihr Kind den gymnasialen Weg.“ Ich zucke immer etwas zusammen, wenn ich dieses Argument höre, da es nicht mit meiner (subjektiven) Beobachtung übereinstimmt. Ich beobachte, dass die Eltern das Schulsystem sehr wohl verstehen und auch durchschauen. Dies bestätigt auch eine Studie der PH Luzern bei über 160 Eltern von Primarschulkindern am Übergang in die Sekundarstufe I (Gut, 2016).

In unserem meritokratischen Bildungssystem ist es die Leistung, die bewertet und belohnt wird, beziehungsweise werden sollte. Die „Belohnung“ für gute Leistungen sind im Schulalltag gute Schulnoten. Es sind auch die Schulnoten, die die Grundlage von Selektionsentscheiden bildet. Welches Kind in welche Leistungsstufe kommt, hängt also von den Schulleistungen ab. Schulnoten sind als Leistungsindikatoren – nicht unumstritten – aber in der Wirtschaft und Gesellschaft als Leistungsindikator akzeptiert.

Auch die durch die Sortierung anhand der Schulnoten entstehende soziale Ungleichheit ist allgemein akzeptiert. Sie entspricht den vorherrschenden Gerechtigkeitsnormen und wird durch diese legitimiert. Gefordert wird im meritokratischen Schulsystem allerdings die Chancengleichheit im Sinne, dass Kinder und Jugendliche mit ähnlichen Fähigkeiten, ähnliche Chancen auf ähnliche Schulnoten haben, und zwar unabhängig etwa ihrer sozialen Herkunft oder ihres Geschlechts. Unter der Prämisse, dass dieses Prinzip der Chancengleichheit realisiert ist, akzeptiert nicht nur unser ökonomisches System, dass es ein „Unten“ und „Oben“ gibt, auch viele Eltern und Lehrpersonen akzeptieren es. Manche sehen es gar als Notwendigkeit an, um (junge) Menschen zu Leistungen zu motivieren. Weiterlesen

Wo verlaufen die Grenzen zur Integration von verhaltensauffälligen Kindern?

Die SUGUS-Studie (Eckstein et al., 2016), eine Untersuchung zu gestörtem Unterricht von der Universität Zürich, weist darauf hin, dass sich einige Lehrpersonen und Schüler/innen schnell ablenken lassen und sich stark ärgern über Unterrichtsstörungen, andere beschreiben sich als viel weniger empfindlich. Je empfindlicher die Befragten sind, desto mehr fühlen sie sich von einzelnen Kindern gestört – unabhängig vom Verhalten dieser Kinder. Was bedeutet dies für die Integration von verhaltensauffälligen Schülerinnen und Schülern? Weiterlesen

Klassenassistenzen – Schulpersonal mit Weiterbildungsbedarf

Im September 2017 startete an der PH Luzern die erste Durchführung des Kompaktkurses Klassenassistenz – ein Weiterbildungsangebot, das auf grosse Nachfrage stösst und zum Weiterdenken anregt.

Rund 60 Klassenassistenzen und angehende Klassenassistenzen besuchen in diesem Schuljahr die Weiterbildung an der PH Luzern. 30 Kursteilnehmenden haben den ersten Kurs im November abgeschlossen. Aktuell besuchen einige noch die Praxisgruppe für Klassenassistenzen. Eine zweite Kursgruppe mit 30 Teilnehmenden startet im Februar 2018. Auch im Schuljahr 18/19 werden im Weiterbildungsprogramm der PH Luzern Kurse für Klassenassistenzen ausgeschrieben.

Weltweit werden Klassenassistenzen im Unterricht eingesetzt (vgl. Masdeu Navarro 2015). Auch in der Schweiz gehören Klassenassistenzen immer häufiger zum Schulalltag. Im Kanton Luzern werden sie seit einigen Jahren als Unterstützung im Regelschulunterricht von beispielsweise  sehr heterogenen oder unruhigen Klassen angestellt. Klassenassistenzen werden oft im Rahmen der SOS-Massnahmen auf befristete Zeit eingestellt. Auch im Sonderschulbereich gehören sie zum Schulalltag. Weiterlesen

Was bedeutet «Erwachsenenbildung»?

Mit dem Begriff Erwachsenenbildung wird die formale, nichtformale und informelle Bildung Erwachsener bezeichnet. Erwachsenenbildung schliesst den Tertiär- wie Quartärbereich mit ein. Zur Bildung Erwachsener gehören damit die höhere Berufsbildung, die Hochschulbildung, die berufliche und allgemeine Weiterbildung sowie Bildungsprozesse ausserhalb organisierter Lernsettings. Die Pädagogischen Hochschulen der swissuniversities positionieren sich in ihrer Strategie 2017-2020 als pädagogische und didaktische Kompetenzzentren auch in der Erwachsenenbildung. An der PH Luzern werden dazu verschiedene Aus- und Weiterbildungsstudiengänge angeboten wie u.a. der Weiterbildungsmaster in Erwachsenen- und Berufsbildung (MAS A&PE), der CAS Erwachsenendidaktik oder der Diplomstudiengang Dozent/-in an Höheren Fachschulen.

Formale, nichtformale und informelle Bildung, Tertiär- und Quartärbereich

Die gebräuchlichste Klassifikation für Bildungsaktivitäten ist diejenige der UNESCO, der OECD und der EU. Diese Klassifikation hat auch die Schweiz übernommen. Die Kategorisierung erfolgt nach dem Institutionalisierungsgrad. «Dabei wird nicht primär zwischen Grundausbildung und Weiterbildung unterschieden, sondern zwischen formaler, nichtformaler und informeller Bildung, die über das gesamte Leben hinweg stattfinden kann.» (SBKF, 2014, S. 267).

Als formale Bildung werden die staatlich geregelten Abschlüsse im hierarchisch strukturierten Bildungssystem bezeichnet, welches sich in Primar-, Sekundar- und Tertiärstufe gliedert. Beispiele sind: Eidg. Fähigkeitszeugnis, Matura, Abschlüsse der höheren Berufsbildung, EDK-Lehrdiplome, SBFI-Lehrdiplome für Berufsfachschulen oder höhere Fachschulen, Hochschulabschlüsse wie Bachelor, Master oder Doktorat. Die tertiäre Bildung umfasst mit Tertiär A die Hochschulbildung, mit Tertiär B die höhere Berufsbildung. Weiterlesen