Buchreview: Aus dem Reformalltag der beruflichen Grundbildung

«Ausbilden» von Carlen, Grassi, Hämmerle und Koch präsentiert entlang des Reformprozesses im Berufsfeld Verkehrswegbau einen reichen Strauss an Themen der beruflichen Grundbildung. Die Publikation präsentiert normative Konzepte, ethnografische Beobachtungen, hilfreiche Checklisten und selbstkritische Analysen, womit eine wichtige Dokumentation eines einmaligen Reformprozesses entstanden ist. Die 150 Seiten umfassende Publikation gibt Aussenstehenden wie auch Personen, die vor einer Revision einer Bildungsverordnung stehen, wichtige Einblicke in das System der beruflichen Grundbildung und Hinweise zur Gestaltung von Reformprozessen.

Das Buch «Ausbilden. Kompetenzorientierung und Lernortkooperation in der beruflichen Grundbildung» ist die jüngste Publikation der Reihe hep praxis und dokumentiert den Prozess der Reform des Berufsfelds Verkehrswegbau. Nach dem einleitenden Kapitel, das im Wesentlichen die Ausgangslage des Reformvorhabens beschreibt, folgen sieben inhaltliche Kapitel und ein Schlusswort.

In einer sehr verständlichen Sprache wird auf 150 Seiten in das dargestellte Reformprojekt eingeführt, das neue Paradigma der beruflichen Handlungskompetenz dargestellt sowie das konkrete Vorgehen bei der Revision einer Bildungsverordnung und den damit verbundenen Aufgaben beschrieben Es werden zudem verknüpfende Elemente der Lernortkooperation unter dem neuen Paradigma erläutert und die Auswirkungen auf das kompetenzorientierte Prüfen praktisch dargelegt. Das Buch richtet sich an Berufsbildungsverantwortliche, die in eine Revision der Bildungsverordnungen ihres Berufsfelds involviert sind und an alle, die an „Insides“ der Berufsbildung interessiert sind.

Beobachtungen, Erfahrungen, Rückmeldungen

Das konkrete Beispiel eines Reformprozesses macht das komplexe Zusammenspiel von Berufsbildnern/innen der Betriebe, Lehrpersonen der überbetrieblichen Kurse, Berufsfachschullehrpersonen berufskundlicher und allgemeinbildender Unterricht, Prüfungsexperten/innen, Vertreter/innen der OdA sowie pädagogischer Begleitung, wie sie auch die Pädagogischen Hochschulen anbieten, deutlich.

Die damit verbundenen Herausforderungen, die praktischen Erfahrungen und Beobachtungen der Projektleitung sowie Rückmeldungen von Projektbeteiligten werden in blau hervorgehobenen Abschnitten ungeschminkt dargestellt. Dieses Gegenüber zu den normativen Konzepten (so sollte es sein) bildet den praktischen Reformprozess sehr anschaulich ab und hilft der Leserin und dem Leser das Machbare vom Wünschbaren zu unterscheiden.

Vereinzelt finden sich hellblaue Abschnitte „für Theorieinteressierte“, die leider weder über die detailliertere Darstellung normativer Konzepte hinausgehen noch den kritischen Blick auf den Prozess oder die Konzepte fördern. Die Reflexion, die von den Lernenden im Rahmen von Lernstopps eingefordert wird, wäre auch bei der Theoriearbeit lehrreich gewesen.

Betriebe kommen zu Wort

Revisionen von Bildungsverordnungen der beruflichen Grundbildung werden in der Regel durch die Branchen initiiert. Neue Arbeitsinstrumente und Technologien, veränderte Arbeitsprozesse und Arbeitsorganisationen sowie Innovationen bei Materialien, Produkten und Dienstleistungen führen zu veränderten Qualifikationsanforderungen. Entsprechend muss sich die berufliche Grundbildung regelmässig an den neuen Qualifikationsanforderungen der Praxis ausrichten. Obwohl die Betriebe der zentrale Lernort der Lernenden ist, scheinen sie – zwar durch die Funktionäre der Organisationen der Arbeit (OdA) im Reformprozess vertreten – nur am Rande beteiligt zu sein. Dieser Untervertretung der Lehrbetriebe im Prozess trägt das Buch Rechnung, indem es im Kapitel acht je ein Ausbildner eines Klein-, Mittel- und Grossbetriebs zu Wort kommen lässt. In den Interviewaussagen der Ausbildner wird deutlich, dass sich die Betriebe für die Ausbildung einsetzen und Zeit und Energie in die Jugendlichen investieren. Was sie von den Jugendlichen im Gegenzug erwarten ist Zuverlässigkeit, Ehrlichkeit und der Wille, sich für den Betrieb und die Ausbildung einzusetzen. Wenn Jugendliche diese Tugenden zeigen, können auch während der Ausbildung auftretende Probleme gemeistert werden. So meint ein Ausbildner: „Mit schulisch und handwerklich schwächeren Lernenden, die guten Willens sind, finden wir immer einen Weg.“

Reformen für die Lernenden?

Die Hauptakteure der beruflichen Grundbildung, die Lernenden, kommen in der Publikation kaum zu Wort. Reformen werden dazu genutzt, mit Hilfe von praktischen und wissenschaftlichen Erkenntnissen, die Bildung der Jugendlichen auf die veränderten Anforderungen anzupassen und zu optimieren. Es sind die Kompetenzen der Lernenden, die in ihrer beruflichen Grundbildung davon profitieren sollten. Wie sich die grossen Anstrengungen und Investitionen der Verbundpartner und Berufsbildungsverantwortlichen im beschriebenen Reformprozess auf die Lernenden ausgewirkt haben, könnte in einer Folgepublikation Platz finden.

Die Autoren und Autorinnen Cristian Carlen, Andreas Grassi, Petra Hämmerle und Benedikt Koch geben allen, die für ein Berufsfeld in einen Reformprozess involviert sind, mit ihrer Publikation hilfreiche Tipps und praktische Hinweise. Das praxistaugliche Buch ist ein wichtiges Instrument, die Reformvorhaben in der beruflichen Grundbildung effizient durchzuführen und wird allen Berufsbildungsinteressierten, die mehr „Insides“ der Berufsbildung erfahren wollen, wärmstens empfohlen.

Prof. Dr. Jürg H. Arpagaus, Prorektor, PH Luzern

Twitter: @juergarpagaus

Die regionale Stärke in der Berufsbildung

Die Ausbildung von Lehrpersonen ist in der Schweiz traditionell Sache der Kantone. Mit der Schaffung der Pädagogischen Hochschulen wurde auch der über viele Jahre gehegte Wunsch möglich, die Qualifizierung von Berufsfachschullehrpersonen an Hochschulen in den Regionen durchzuführen. Heute bilden die Pädagogischen Hochschulen Luzern, St. Gallen und Zürich in ihren Regionen Berufsfachschul-, Berufsmittelschullehrpersonen, Berufsbildner/innen überbetriebliche Kurse (üK) und Lehrwerkstätten sowie Dozierende der höheren Fachschulen (HF) aus, womit auch eine regionale Stärkung der Berufsbildung verbunden ist.

Die Berufsbildung ist eine Aufgabe von Bund, Kantonen und Organisationen der Arbeitswelt. Dabei kommen die Kantone, die für die Umsetzung in der Berufsbildung zuständig sind, für drei Viertel der Kosten auf. Die Föderalisierung der Kosten spiegelt die regionalpolitische Bedeutung der Berufsbildung wieder. Denn eine Stärke der Berufsbildung ist die enge Verknüpfung mit der regionalen Wirtschaft. Nur so kann die arbeitsmarktbezogene Berufsbildung Fachkräfte für die unterschiedlichen Arbeitsmärkte qualifizieren. Diese enge Verknüpfung mit der regionalen und kantonalen Praxis ist auch ein Erfolgsfaktor in der Lehrerinnen- und Lehrerbildung. So sind beispielsweise Praktikumsplätze in Schulen für künftige Lehrpersonen nicht nur wichtige Lernorte, sondern auch ein effizientes Instrument des Arbeitsmarktes, das Stellen und Personen „matched“.

Ziel der Subsidiarität dank der Pädagogischen Hochschulen erreicht

In der Berufsbildung wurde die Abwesenheit einer regionalen Aus- und Weiterbildung von Lehrpersonen in der Berufsbildung (Berufsbildungsverantwortliche) lange bedauert. Bereits im Berufsbildungsgesetz von 1978 (Art. 36) wurde davon gesprochen, dass die Ausbildungen der Lehrpersonen an Berufsfachschulen nur dann beim Bund stattfinden sollen, wenn sie nicht an einer kantonalen Hochschule erfolgen kann. Weiterlesen

Buchreview: Ausgeflaust? – Jugendliche führen

Das neu im hep Verlag erschienene Buch Ausgeflaust? – Jugendliche führen von Michael De Boni und Esther Lauper stellt die Komplexität des Themas Classroom Management dar und gibt Lehrpersonen viele nützliche Checklisten zur Hand. Das Einsteigerbuch macht gwundrig, mehr zu den eingeführten Themen zu erfahren.

Als ich vor etwa drei Jahren zum ersten Mal am Berufsbildungszentrum Bau und Gewerbe (BBZB) in Luzern bei einer Klasse von 24 Elektroinstallateuren in einem Blockkurs unterrichten durfte, war ich eine halbe Stunde vor Unterrichtsbeginn anwesend. Denn ich musste noch den Laptop installieren, eine Videopräsentation vorbereiten und die Agenda des Vormittags auf ein Flipchart schreiben. Versunken in der Vorbereitung wie ich war, kommt ein junger Mann auf mich zu und streckt mir die Hand zur Begrüssung entgegen. Etwas überrascht und erstaunt begrüsste ich den jungen Mann und ich wechselte ein paar Worte mit ihm. Mehr und mehr junge Männer traten ein und kamen zu mir, um mich per Handschlag zu begrüssen. Ich habe diese höfliche, respektvolle und beziehungsorientierte Kultur auch im Unterricht, im Lehrerzimmer wie auch in der Mensa erfahren. Doch Monate später wurde ich von dem Fachbereichsleiter angefragt, ob die PH Luzern für die Lehrpersonen in dem Schulhaus eine Weiterbildung zum Thema „Klassenführung und Disziplin im Unterricht“ durchführen könnte. Woher kam nur diese Diskrepanz? Mit dieser Frage im Hinterkopf ging ich an die Lektüre. Weiterlesen

Wie viel Forschung braucht die Weiterbildung? Oder, wie Forschung und Lehre verknüpft wird.

Die Verknüpfung von Forschung und Lehre ist eine zentrale Aufgabe der Weiterbildungsanbieter auf Hochschulstufe. Darin sind sich alle einig. Differenzen gibt es in der Art und Weise, wie diese Verknüpfung von Forschung und Lehre in einem Weiterbildungsangebot realisiert werden soll. Für die einen ist die Forderung erfüllt, wenn die Dozierenden der Weiterbildung mit einem akademischen Titel (Prof. oder Dr.) ausgestattet sind. Für andere ist die Verknüpfung vor allem dann gegeben, wenn die eigene Forschung und die Erkenntnisse dieser Forschung in einer Weiterbildung für die Praxis übersetzt werden. Ich argumentiere im Folgenden, dass die forschende Haltung und die (implizite oder explizite) Vermittlung der forschenden Haltung die zentralen verbindenden Elemente von Forschung und Lehre in der Weiterbildung sein sollen.

Mit der Tertiarisierung der Lehrerinnen- und Lehrerbildung hat sich der Anspruch an die Lehre verändert. Wissenschaftlicher, theoriegeleiteter, forschungsbasierter und auch praxisorientierter musste die Lehre werden. Umgesetzt werden diese neuen Anforderungen u.a., indem die Studierenden an Pädagogischen Hochschulen wie an allen andern Hochschulen das „wissenschaftliche Arbeiten“ lernen und wissenschaftsbasierte Leistungsnachweise schreiben müssen, die Dozierenden neu Forschungserfahrung mitbringen oder die Unterlagen und Aussagen an Lehrveranstaltungen minutiös mit Quellenangaben versehen werden. Diese zwar wichtigen Beiträge zur Verknüpfung von Lehre und Forschung sind in der Weiterbildung von Lehrpersonen jedoch weit weniger zentral, als Weiterlesen

Berufserfahrung macht noch keine Experten – oder wie ich eine gute Lehrperson werde

Junglehrpersonen begeben sich nach Studienabschluss als Novizen in ihr Berufsfeld, womit ihre Professionsentwicklung beginnt. Erst mit dem bewussten und reflektierten Praktizieren entwickeln sich Lehrpersonen in ihren Kompetenzen, allen Schülerinnen und Schülern die notwendigen Kompetenzen zu vermitteln und sie zu fördern. Es gibt keine Lehrer/innen-Gene und keine natürliche Begabung eine gute Lehrerin/ein guter Lehrer zu sein, sondern nur Lehrpersonen, die sich mehr oder weniger in ihrer Profession entwickeln.

Mein sechsjähriger Sohn hat begonnen, ein Instrument zu spielen und zwar in der klassischen Methode: Einmal pro Woche besucht er den Musikunterricht, wo ihm die Musiklehrerin Rückmeldungen zu seinem Spiel und neue Herausforderungen mitgibt, die er dann bis zur nächsten Stunde üben soll. Seit der These von Malcolm Gladwell im Buch Outliers (2008) wissen wir, dass Menschen rund 10‘000 Stunden ins Üben investieren müssen, um z.B. auf einem Instrument, im Sport oder auch in ihrer Profession gut zu werden. Der Urheber dieser These, Andres Ericsson zeigt mit seiner Forschung (z.B. Ericsson und Pool, 2016; Ericsson et al., 2013), dass es eine ganz bestimmte Art von Üben braucht, um Fortschritte zu machen. Er nennt das „Deliberate Practicing“. Deliberate Practicing gilt auch als Goldstandard, wenn es um die Entwicklung der Kompetenzen des Unterrichtens von Lehrpersonen geht.

Deliberate Practicing

Die Kompetenzentwicklung von Personen in einer Profession, d.h. der Professionals wie der Lehrerinnen und Lehrer, der Anwältinnen und Anwälte oder der Ärztinnen und Ärzte ist wissenschaftlich gut untersucht. Quasi axiomatisch ist die Erkenntnis, dass Praktizieren per se noch keine Entwicklung zum Besseren mit sich bringt. Viele Studien zeigen, dass die Kompetenzen von Professionals trotz regelmässigen Weiterbildungen abnehmen. Ein Grund liegt darin, dass Weiterlesen