Rollt eine neue Digitalisierungswelle auf die Hochschulen zu?

Nachdem die E-Learning-Welle des ersten Jahrzehnts des neuen Jahrtausends etwas abgeflaut ist, rollt die nächste Welle unter dem Stichworten „digitale Hochschule“, „digitale Lehre“, „digitales Lernen“ auf uns zu. Nicht, dass sich in den letzten Jahren an den Hochschulen nichts getan hätte: Learning Management-Systeme haben sich etabliert, auch kleinere Hochschulen produzieren die ersten MOOCs, es gibt kaum noch eine Campus-Ecke ohne WLAN-Abdeckung, …

Irgendwie waren die letzten 10 Jahre geprägt durch eine unaufgeregte kontinuierliche Weiterentwicklung im Bereich E-Learning. Wer mit E-Learning Elementen arbeiten wollte, konnte dies. So nutzten immer mehr Dozierende die vielfältigen Möglichkeitenaten, andere beliessen es beim Upload einiger PDFs auf die Lernplattform.

Glaubt man nun den neueren Bildungsberichten, den aktuellen Statements von Hochschulpräsidenten, den postulierten Megatrends von Zukunftsforschern („Megatrends halten mindestens 50 Jahre an“) und den Voten von Bildungspolitikern, ist die Zeit der evolutionären Entwicklung im Bereich E-Learning passé. Die Digitalisierungswelle ist daran, die Hochschulen zu überrollen. Es ist noch nicht ganz soweit, dass sich die nicht digitale Lehre für ihr Tun aufs Heftigste verteidigen muss. Das hat auch Jürgen Handke (hier) erstaunt zur Kenntnis genommen: „Ich hatte gedacht – und es auch in „Patient Hochschullehre“  2014 auf S. 64 so verkündet –, dass mittlerweile eine „Beweislastumkehr“ eingetreten sei und die „Digitalisierungsgegner“ zeigen müssen, welche Vorteile ein Festhalten an traditionellen Lehr- und Lernmethoden beinhaltet und nicht wir Befürworter ständig auf die Mehrwerte hinweisen müssen. Leider habe ich mich hier zu früh gefreut.“

Auf jeden Fall ist die Ankündigungswelle bereits da. Unten stehende Zitate sind der Beleg dafür. Wie gut die Hochschuldidaktik dafür gerüstet ist, wird sich zeigen. Wenigstens hat sie in den letzten Jahren die Berührungsängste zur digitalen Lehre zu einem grossen Teil abgelegt. Mit diesem neuen Selbstverständnis muss die Hochschuldidaktik  sich in die Digitalisierungsdiskussion einbringen und so ihren Teil dazu beitragen, dass die Technologiefalle nicht mehr zuschnappen kann, wie dies bei der ersten Welle leider allzu oft der Fall war.

  • Rafael Reif, Präsident MIT Boston anlässlich des WEF in Davos (hier): „Die Zukunft heisst digitales Lernen. Es ist die wichtigste Innovation in der Bildung seit der Erfindung des Buchdrucks.“

 

  • Margaret Wintermantel, Präsidentin DAAD: „Die deutschen Hochschulen müssen bei dieser Entwicklung dabei sein, sonst verschwinden sie von der Landkarte.“ (hier)

 

  • Jürgen Handke, Ars legendi-Preisträger für exzellente Hochschullehre 2015 im „Handbuch Hochschullehre Digital“ (mehr zum Buch hier): „Viele Hochschullehrer stehen dieser [digitalen] Entwicklung gelinde gesagt ’sehr zurückhaltend‘, bisweilen aber auch hilflos gegenüber, und auch die Hochschulen bieten noch zu selten Alternative zu klassischen Präsenzszenarien an. Die Gründe dafür sind vielfältig: nicht ausreichende eigene Medienkompetenz, Kontrollverlust bis hin zu Ängsten, als Lehrer nicht mehr benötigt zu werden und fehlende Flexibilität auf Seiten der Hochschulen.“
    (Dazu Rezension 1 hier und Rezension 2 hier)

 

  • Matthias Horx, Trendforscher und Gründer Zukunftsinstitut: „Der Megatrend Neues Lernen beschreibt, wie sich Bildung im Zeitalter der Wissensexplosion verändert. Bildung wird digitalisiert, sie findet über neue Kanäle statt.“

 

  • Gabi Reinmann, Professorin für Lehren und Lernen an Hochschulen an der Universität Hamburg im Vortrag „Fünf Statements zur Zukunft akademischen Lehrens und Lernens“ (hier): „Medieneinsatz in der Forschung ist relativ alltäglich. Ich hätte da die Hoffnung, dass diese Selbstverständlichkeit auf Studium und Lehre abfärbt und die Angestrengtheit reduziert, mit der man deren Digitalisierung heute verfolgt.“

 

  • Ergebnisse Berinfor-Hochschulbefragung 2015 (Zusammenfassung der Befragungsergebnisse hier): „Megatrend Digitalisierung: Die Lehre an Hochschulen steht vor grossen (aktuellen und künftigen) Herausforderungen, den Trend der Digitalisierung aufzugreifen und in vorhandene Strukturen zu integrieren. Es zeichnet sich in diesem Feld ein grosser Handlungsbedarf ab, der langfristig den Kernbereich Lehre stark prägen wird.“

 

  • Yascha Roshani, Gastbeitrag im Blog „Hochschulforum Digitalisierung“ (hier): „Eine grundlegende Annahme für ein heutiges Bildungsmodell ist die Unausschließbarkeit digitaler Medien im Bildungsprozess. […]  Die Innovationspotenziale durch das Internet sind jedoch weitaus großflächiger und gerade in der Kerntätigkeit von Hochschulen, der Lehre, noch nicht ausreichend erschlossen.“

 

  • Jörg Dräger, Geschäftsführer CHE Gemeinnütziges Centrum für Hochschulentwicklung in „Die digitale (R)evolution? Chancen und Risiken der Digitalisierung akademischer Lehre“  (hier): „Eine Mischung aus Neugier und Hoffnung lässt Menschen aller Altersgruppen und Nationalitäten neue Lernmethoden und -medien ausprobieren – und löst eine ganz neue Digitalisierungsdynamik an den Hochschulen aus.“

 

 

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