Prokrastinierende Studierende – Muss sich die Hochschuldidaktik darum kümmern?

Akademische Prokrastination – auf gut Deutsch das Aufschieben von studiumsrelevanten Tätigkeiten (Lernen auf Prüfungen, Schreiben von Arbeiten etc.) mit den entsprechenden negativen Folgen  – wird in letzter Zeit immer wieder als ein zentraler Negativeffekt der Bologna-Reform genannt. Die gestiegenen Anforderungen an den Selbstorganisierungsgrad der Studierenden durch die hohe Komplexität des Studienalltags scheint viele zu überfordern. Kein Wunder, dass die akademische Prokrastination in den Psychologischen Beratungsstellen der Hochschulen zu den Kernthemen gehört (siehe hier). Dabei stellt sich schnell einmal die Frage: Muss sich auch die Hochschuldidaktik mit dem Thema Prokrastination auseinandersetzen? Fördern nicht gerade auch offene Formen mit einem erhöhten Selbstorganisationsanteil wie Blended Learning und Inverted Classroom die akademische Prokrastination?

Seit den 90er-Jahren rückt die die akademische Prokrastination vermehrt in den Fokus. Die Palette entsprechender Neuerscheinungen reicht von Forschungsberichten bis zur Selbsthilfeliteratur, die es sogar in die Bücher-Charts schafft (ein kleine Übersicht gibt es hier oder hier).

Wenn aber derart viele Studierende prokrastinieren und der entsprechende Leidensdruck derart gross ist, muss sich dann nicht auch die Hochschuldidaktik Gedanken zum Thema machen? Zumal dann, wenn in der Diagnose nicht einfach personale Dispositionen zur Prokrastination führen, sondern bei der Suche nach den Ursachen durchaus strukturelle und hochschuldidaktische Faktoren genannt werden. Dies tut zum Beispiel der  Wirtschaftspädagoge und Wirtschaftsdidaktike Dieter Euler, der hier (Folie 11) festhält, dass heutige Prüfungsformen kein kontinuierliches Studieren erfordern oder dass das Selbststudium zu wenig mit dem Präsenzunterricht verbunden wird. Und auch Lena Groß und Mai-Anh Boger weisen in ihrer Studie auf das Paradox hin, dass Studierende einerseits die Freiheit, sich selbst zu strukturieren als Belastung erleben, andererseits aber auch vorgegebene Studienstrukturen nicht unbedingt als Hilfestellung akzeptieren (in Schulmeister, R., Metzger, Ch. (Hrsg.): Die Workload im Bachelor: Zeitbudget und Studierverhalten. Münster, Waxmann 2011).

Welche hochschuldidaktischen Ansätze und Implikationen können prokrastinierendem Verhalten entgegenwirken? Allzu viele Antworten auf diese Frage findet man nicht. Immerhin fördert das Durchforsten der Literatur den einen oder anderen Hinweis zutage, z.B. im Artikel „Employability und Prokrastination aus einer hochschuldidaktischen Perspektive“ von Karl-Hein Gerholz und Katrin Klingsieck (erschienen in Das Hochschulwesen 4/2013, im Volltext hier ab S. 122) oder  im Blog von Simon Roderus vom interdisziplinäre Team „Service Lehren und Lernen“ der Technischen Hochschule Nürnberg (The Science behind „Fieser Köter“: Was die Didaktik gegen Prokrastination unternehmen kann).

Trotzdem: Einige Hinweise zu hochschuldidaktischen Implikationen, die antiprokrastinierend wirken, finden sich in den oben genannten Publikationen. Genannt werden u.a. folgende Massnahmen:

  • Lernsituationen so gestalten, dass das Prokrastinationspotenzial reduziert wird. Dazu gehören plausible Aufgabenstellungen, Anreize zur Sequenzierung anstehender Aufgaben wie Zwischenabgaben etc.
  • Kooperative Lernsettings entwickeln. Sie bieten ein geringeres Prokrastinationspotenzial als individualistisch angelegte Lernszenarien.
  • Einbauen von Feedbackschleifen, um Lernschritte abschnittsweise anzugehen. Für Feedbacks bieten sich durchaus auch die Peers an. Und natürlich wirkt jede Form von qualifiziertem, individuellen Feedback motivationsfördernd.
  • Lernen bzw. Lernfortschritte sichtbar machen. Wer John Hatties Forderung „Visible Learning – Lernen sichtbar machen“ (siehe hier) als direkte Aufforderung versteht, in seiner Lehrveranstaltung die ablaufenden Lernprozesse schrittweise zu visualisieren, zu memorieren, zu reflektieren, betreibt damit auch direkte Prokrastinationsprävention.
  • Modulstrukturen überdenken. Die Hochschuldidaktik muss sich in die Diskussion zur Überwindung der Zersplitterung der Studienstrukturen einbringen. Dazu gehört auch die Diskussion zu Blockmodulen, wie sie Rolf Schulmeister in seiner Zeitlaststudie als Reaktion auf das „verteilte Lernen“ fordert.
  • Tutoriate inszenieren. Durch Tutoriate begleitete Lehrveranstaltungen verleiten viel weniger zum Aufschieben anstehender Aufgaben.
  • Die aktuelle Lernveranstaltung in das Gesamtmodul einbetten. In wöchentlichen Seminaren oder Vorlesungen werden oft (Lektüre-)Aufträge für die nächste Veranstaltung erteilt, ohne dass deren Erledigung in irgendeiner Form kontrolliert wird. Das Lösen entsprechender Aufgaben zu Beginn der Veranstaltung, spontane Kurzinterviews, kurze Multiple-Choice-Fragen mittels Online-Tool oder Klicker als Einstieg, … tragen viel zur Prokrastinationsminderung bei.

Zudem engagieren sich an diversen Hochschulen die hochschuldidaktischen Stellen in Programmen und Trainings, welche Studierenden Strategien zur Überwindung des Aufschiebens von anstehenden Aufgaben im Studienbetrieb vermitteln. Dazu gehören u.a. die mittlerweile weit verbreiteten „Langen Nächte des Schreibens bzw. der aufgeschobenen Hausarbeiten“.

Die oben stehende Aufzählung mag vielen etwas gar rezeptartig erscheinen. Dozierende aber, die diese „Rezepte“ einbetten in das Bemühen, Studierende in ihrem Studienprozess zu begleiten und sie schrittweise zu befähigen, ihr eigenes akademisches Lernen selbstständig zu modulieren und zu regulieren, handeln hochschuldidaktisch klug und tragen einiges bei zur Qualität der eigenen Lehre.

2 Kommentare zu “Prokrastinierende Studierende – Muss sich die Hochschuldidaktik darum kümmern?

  1. Danke für den gut geschrieben und interessanten Beitrag! Wenn in die Verbesserung der Lehre investiert wird, ohne dabei das Lernen ebenso zu berücksichtigen, entsteht ein unschönes Ungleichgewicht. In der Folge sind dann durchaus gut gemeinte didaktische Methoden, wie z. B. das problembasierte Lernen, nur eingeschränkt wirkungsvoll.

    Nach meiner Erfahrung sind es vor allem die unteren Semester, die unter den Freiheiten eines Studiums auch etwas leiden. Eine pragmatische Lösung wäre es, in den ersten Semestern ein festeres Zeitraster vorzugeben und Prüfungsleistungen auf mehrere Zeitpunkte des Semesters zu verteilen. Die auf diese Weise vorgegebene Lernstruktur sollte im Verlauf des Studiums dann schrittweise abnehmen. Der Vorteil: Studierenden werden langsam an das eigenverantwortliche und selbstorganisierte Lernen herangeführt.

Schreibe einen Kommentar zu Simon Roderus Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*
*