SARAH

Es ist Freitag, 22. Januar und ich bin extra etwas früher nach Aarau gereist. Ich freue mich auf eine feine ‚Schale‘ im Café Tuchlaube. Angesagt ist das Stück ‚SARAH‘ für alle ab 14. Da sitze ich nun vor meiner ‚Schale‘ am Fenster und lese nochmals, was mich in einer halben Stunde erwarten wird: Ich werde Sarah, ihre Schwester Jasmin und ihre Eltern kennenlernen. Sarah erkrankt an Leukämie. Mich erwartet die Geschichte eines Mädchens zwischen Hoffen und Bangen. Ein Theaterstück über Schmerz, Angst und Trauer – über Liebe und jugendliche Lebenslust. Von der Theatertruppe ‚Picnique Interdit‘ habe ich bisher noch nichts gehört. Von den aufgeführten Personen sind mir bloss zwei Namen bekannt. Texte: Erwin Koch und Oel extérieur: Heike Dürrscheid. Auf die Texte von Erwin Koch freue ich mich.

Von Peter Kelting, Leiter des Theater Tuchlaube bekomme ich einen guten Randplatz in der drittvordersten Reihe. Dort sitzen Mädchen und Buben einer 2. Sekundarklasse, eigentlich zu jung für die angesagte Vorstellung. Ich komme mit meinem Sitznachbar ins Gespräch und es stellt sich heraus, das eine Lehrperson dieser Klasse mit dem Bühnenbild zu tun hatte. Die Klasse weiss also bereits einiges über diese Theaterarbeit und hat somit einen direkten Bezug dazu. Das Bühnenbild besteht aus lauter A4 Papieren. Der ganze Bühnenboden ist damit ausgelegt und eine Rückwand ist damit ‚tapeziert‘. Dieser weisse, gekachelte Spielraum macht mich neugierig. Die beiden Schauspielerinnen Anna Blumer und Sabina Reich betreten behutsam die zerbrechliche A4-Papier-Bühne und beginnen von Sarah zu erzählen. Immer wieder schlüpfen sie kurzfristig in verschiedene Rollen. Die A4 Blätter dienen Ihnen als ‚Spielzeug‘ und als Requisiten. Der Raum verändert sich laufend und ermöglicht Assoziationen und Interpretationen. Von der Rückwand wird im Laufe des Stückes Blatt um Blatt entfernt. Dies erinnert mich an die Körperzellen von Sarah, die immer löchriger werden.

Die Sprache von Erwin Koch ist direkt, brutal realistisch und sehr plastisch. Es gelingt den beiden Schauspielerinnen das Publikum über die Dauer einer vollen Stunde in gespannte Aufmerksamkeit und Betroffenheit zu versetzen. Am Anfang ist Sarah 14. Wir erleben drei Jahre zwischen Hoffnung, Wut, Trauer und Liebe. Mit 17 stirbt das Mädchen. Am Schluss werden die A4 Papiere zu einem grossen Aktenberg zusammengeschoben, über die Lautsprecher erklingt ein Song. Zeit um durchzuatmen und aus dem Stück auszusteigen.

 

Betroffen und beeindruckt verlasse ich das Theater Tuchlaube.

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