Von Wiener-Neudorf lernen

 

Meine Kollegin, die wusste, dass ich mit 30 Schulleitenden auf einer Studienreise in Wien war, fragte mich beim überfliegenden Lesen des Titels meines Blogentwurfs, ob dieser nicht lauten müsste: Von der Schule WienerNeudorf lernen? Nein! Der Titel ist richtig gesetzt, weil Wiener-Neudorf, eine Vorortsgemeinde von Wien, Schulentwicklung als einen Prozess versteht, der über die Schule hinausreicht. Schule und Gemeinde verstehen sich als eine Lebens-, Arbeits- und Lerngemeinschaft.

Inklusion als Leitidee für Schule und Gemeinde

Eindrücklich zeigt sich das Zusammenwirken von Schule und Gemeinde am Beispiel der Inklusion. In Neudorf besuchen alle Kinder und Jugendliche ihre Schule gemeinsam, ungeachtet dessen, ob diese behindert oder nicht behindert sind. Am meisten Schwierigkeiten bereiten übrigens nicht die Kinder mit einer geistigen und körperlichen Behinderung, sondern jene Kinder, die durch ihr Verhalten den Unterricht wiederkehrend so stark stören, dass das Lernen der Mitschüler und Mitschülerinnen behindert wird.

Ziel der Gemeinde Wiener-Neudorf ist es, dass die Leitidee der Inklusion auch im Alltag ausserhalb der Schule Wirklichkeit wird. Indikatoren dafür sind beispielsweise:

  • Mit den ortsansässigen Firmen wird geprüft, ob es möglich ist, Schulabsolventen mit Behinderung in die Arbeitswelt einzubinden.
  • Die kommunale Verwaltung geht dabei mit gutem Beispiel voran: Sie beschäftigt immer wieder Menschen mit Behinderung.
  • Personen im Ruhestand (in Österreich „Pensionisten“ genannt) nehmen am Schulleben periodisch teil; sie lesen den Kindern in Kleingruppen Geschichten vor, basteln oder spielen mit ihnen.
  • Der Sprachunterricht, den eine pensionierte Lehrerin erteilt, richtet sich nicht nur an Kinder fremdländischer Herkunft, sondern auch – und oft gleichzeitig – an deren Eltern (auch in Wiener-Neudorf ist es so, dass es vor allem die Mütter sind, die am Schulleben teilhaben).
  • Oder es gibt Pläne für ein Wohnbau-Projekt: Nicht behinderte und behinderte Menschen sollen gemeinsam in einer Siedlung leben.
  • Der Bürgermeister bekennt sich öffentlich zur Inklusion und will diese weiter fördern.
  • Und der Vize-Bürgermeister unterstützt die Schule und die Gemeinde Neudorf schon seit 20 Jahren, bis vor Kurzem vorrangig als Schulinspektor dieses Bezirks.

 Kommunale Allianz von Schlüsselpersonen

Manch eine Leserin oder ein Leser wird sagen: „Aber das machen wir doch zumindest teilweise auch.“ Sicher! Nur was an der Gemeinde Wiener-Neudorf beeindruckt, ist, dass Schlüsselpersonen in Schule, Politik und Wirtschaft den Gedanken der Inklusion mittragen. Es ist diese Allianz, die dafür einsteht, dass Inklusion kein Schlagwort bleibt. Die Schule Wiener-Neudorf ist ein Beispiel dafür, was vor allem in Deutschland als kooperative Bildungslandschaft bezeichnet wird. Die Entwicklungen in Wiener-Neudorf waren jedoch nicht von einem pädagogischen Konzept inspiriert. Vielmehr gingen die Entwicklungen von Problemstellungen aus, welche Schule und Gemeinde zum Anlass genommen haben, dann und wann ungewöhnliche Wege zu gehen. Die problemlösende Schul-Gemeinde, die sich weniger von modischen Trends leiten lässt, als vielmehr von authentischen Fragen des Zusammenlebens, hat uns auf unserer Studienreise beeindruckt.

Kein Widerspruch zur HATTIE-Studie

Auf die Lehrperson kommt es an, wenn es um den Lernerfolg der Schülerinnen und Schüler geht; das ist eine der Hauptaussagen der viel diskutierten Meta-Meta-Studie von Hattie (2009). Ein anderer Befund dieser Studie bleibt oftmals wenig berücksichtigt: Noch bedeutsamer für den Lernerfolg als die Lehrperson ist die soziale Herkunft der Schülerinnen und Schüler. Das bedeutet, dass es einseitig, ja geradezu falsch wäre, bei der Schulentwicklung nur auf die Personal- und Unterrichtsentwicklung zu setzen. Schulentwicklung muss sich umfassender mit den Menschen befassen, die im Dorf, im Quartier oder in der Stadt eine Gemeinschaft bilden.

Literatur: Hattie, J.A.C. (2009) Visible learning. London: Routledge.

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