Forschen und Entwickeln in enger Kooperation mit der Praxis

Fokus: Wie bindet die PH Luzern bei der Entwicklung von Lehr-Lern-Materialien die Berufspraxis ein? Was haben Unterrichten und Forschen gemeinsam? Wie begleitet die PH Luzern Schulen bei der Schul- und Unterrichtsentwicklung? weiter beantwortet diese Fragen anhand konkreter Beispiele.


Praxistaugliche Lehrmittel sind partnerschaftliche Entwicklungsprojekte
Peter Gautschi – Institutsleiter IGE

Eine wichtige Aufgabe der Lehrerinnen- und Lehrerbildung (LLB) ist die Entwicklung von Lehr-Lern-Materialien. Diese sind nach wie vor ein Rückgrat des Unterrichts. Gerade in integrierten Klassen und bei differenzierten Vermittlungsprozessen bilden Lehrmittel eine wichtige Grundlage. Um sie zu entwickeln, braucht es zum einen Forschung, um zu klären, «was Sache ist» (zum Beispiel «Fremdplatzierungen»), was Jugendliche darüber wissen und welche Prozesse funktionieren, um dieses Thema zu vermitteln. Es braucht zum andern aber auch die «Weisheit der Praxis». Lehrerinnen und Lehrer wissen aus Erfahrung, was Jugendliche anspricht, was sie motiviert, was sie verstehen. Wenn also Lehr-Lern-Materialien dem aktuellen Stand der Theorie entsprechen und den alltäglichen Schulunterricht unterstützen sollen, müssen sie von Dozierenden der Lehrerbildung und Lehrpersonen aus der Unterrichtspraxis partnerschaftlich entwickelt werden. Diese Partnerschaft beginnt bereits bei der Standortbestimmung: Beim Game «Journey of Europe» beschäftigte sich zum Beispiel eine Seitenwechslerin, also eine Lehrerin, die während ihrer Intensivweiterbildung eine Zeit lang am Institut für Geschichtsdidaktik und Erinnerungskulturen (IGE) arbeitete, mit verschiedenen Geschichts-Games und suchte Situationen, die historisches Lernen ermöglichen. Bei der App «Fliehen vor dem Holocaust» half eine Lehrerin bei der Auswahl der Menschen, die thematisiert werden, und sie formulierte Aufgaben, von denen sie vermutete, dass ihre Schülerinnen und Schüler sie lösen können und das erst noch gerne tun. Und natürlich werden dann die Themen und Aufgaben im Unterrichtsalltag erprobt. Beim Schulgeschichtsbuch «Zeitreise» war für die Beratung und Erprobung eine neunköpfige Praxisgruppe aus sechs Kantonen zuständig, die sich periodisch mit den Fachleuten der LLB und des Verlags getroffen und dann unter anderem auch angeregt hat, Materialien für die integrative Förderung zu entwickeln. Der Vorschlag wurde umgesetzt und die jetzt vorliegenden Materialien gelten als praxistauglich und hilfreich für den Alltag. Bisher fanden solche Partnerschaften in Forschung und Entwicklung fast ausschliesslich – wie oben dargelegt – im Rahmen von konkreten Projekten statt. Seit 2017 gibt es dank der Fachdidaktik-Förderung von Swissuniversities auch die Möglichkeit, dass Lehrerinnen und Lehrer an der PH Luzern mit finanzieller Unterstützung eine Dissertation entwickeln und im Zuge dessen über einen Zeitraum von vier Jahren forschen, entwickeln und unterrichten können. Damit dies nicht ein einmaliger Glücksfall bleibt, liegt es nun an den institutionellen Partnerinnen und Partnern, entsprechende Möglichkeiten zu etablieren. Gefordert sind die Kantone, die Lehrpersonenverbände, die Hochschulen. Die Investition lohnt sich sicher: Es profitieren die Beteiligten und es profitieren die Schülerinnen und Schüler von angemesseneren Lehr-Lern-Materialien und von besserem Unterricht.


Unterrichten und Forschen: keine Gegensätze, sondern verwandte Vorgehensweisen
Alois Buholzer – Institutsleiter ISH

Lehrerinnen und Lehrer beobachten, analysieren und beurteilen Lernprozesse und -ergebnisse von Schülerinnen und Schülern. Forschung hingegen orientiert sich an einem hohen wissenschaftlichen Anspruch, indem die Gewinnung und Analyse von Daten systematisch, methodisch kontrolliert und mit Bezug auf den aktuellen Forschungsstand erfolgen. Und trotzdem sind die Tätigkeiten von Lehrpersonen vergleichbar mit der Anwendung von Forschungsmethoden: Lehrerinnen und Lehrer können in ihrem beruflichen Alltag zwar nicht die gleichen wissenschaftlichen Ansprüche verfolgen, viele Entscheidungen müssen unter Zeitdruck im laufenden Unterricht situativ getroffen werden. Dennoch handeln sie ganz ähnlich wie Forschende, denn auch sie sammeln im Unterricht mehr oder weniger systematisch Informationen, analysieren und nutzen ihre gewonnenen Erkenntnisse für Feedbacks und die Lernunterstützung. Dabei variieren die Ansprüche der Lehrpersonen. Je nach der Tragweite von Konsequenzen, die aus den gewonnenen Informationen resultieren, werden höhere oder geringere Ansprüche an das Beobachten, Analysieren und Beurteilen gestellt. Eine wesentliche Aufgabe von Lehrpersonen besteht im Beobachten. Sie beobachten beispielsweise, wie Kinder ein Problem bearbeiten und wie sie miteinander kommunizieren und kooperieren. Ihre Beobachtungen helfen, das Denken der Kinder besser zu verstehen und damit ihr Lernen zu unterstützen. Beobachten ist auch als Methode bei der Datengewinnung im Rahmen von Forschungsprojekten bedeutungsvoll. Um methodisch kontrolliert und systematisch zu beobachten, werden mit grossem Aufwand Codierinstrumente entwickelt, wie zum Beispiel in der Videostudie «TUFA». Dieses Codierinstrument erfasst Unterrichtsphasen, in denen Lehrpersonen formative Beurteilungen vornehmen. Vor dem Einsatz wird ein solches Instrument in Bezug auf verschiedene Gütekriterien geprüft, zum Beispiel hinsichtlich Interraterreliabilität. Hier wird geklärt, ob zwei unabhängige Beobachter/innen mit dem Instrument zum gleichen Ergebnis kommen. Inhaltliche Grundlage bei der Konstruktion von Instrumenten bilden Konstrukte und ihre Operationalisierungen. Im erwähnten TUFA-Projekt werden so zum Beispiel (fachdidaktische) Unterrichtsqualität oder Peer- und Self-Assessment als Konstrukte definiert und mit konkreten Kriterien operationalisiert. Ganz ähnlich gehen auch Lehrpersonen vor, wenn sie komplexe Lernergebnisse, wie Projektarbeiten, selbst verfasste Texte oder Präsentationen anhand von Kriterien beurteilen oder wenn sie analysieren, welche Vorläuferfertigkeiten für eine mathematische Operation vorhanden sein müssen, damit diese korrekt ausgeführt werden kann. Wie die Beispiele zeigen, sind Unterrichtshandlungen von Lehrpersonen und Forschungsmethoden keine Gegensätze, Sonderausgabe | 2019 Forschung an Pädagogischen Hochschulen 5 vielmehr handelt es sich um methodische Vorgehensweisen, die sich in ihren Ansprüchen auf Wissenschaftlichkeit graduell unterscheiden. Es ist für die Professionalisierung des Lehrberufs sinnvoll, diese Verwandtschaft gezielt zu nutzen, um Unterrichtshandeln weiterzuentwickeln und Forschungsmethoden situativ an Forschungsfragen und -gegenstand in Schule und Unterricht auszurichten.


Unmittelbarer Nutzen durch wissenschaftlich basierte Schul und Unterrichtsentwicklung
Christina Huber – Forschungscoaching ISH

Evidenzbasierte Schul- und Unterrichtsentwicklung meint nicht, dass Lehrpersonen ausschliesslich Daten liefern und Forschungsergebnisse konsumieren. Vielmehr sollen sie selber zur (Weiter-)Entwicklung von Wissen über das Lehren und Lernen ihrer Schülerinnen und Schüler beitragen. Die Mitwirkung bei der Evaluation und Weiterentwicklung der eigenen Schule sowie des eigenen professionellen Handelns ist schliesslich zentraler Teil des Berufsauftrags jeder Lehrperson. Forschende der pädagogischen Hochschulen können Akteurinnen und Akteure aus der Praxis dabei begleiten. Ein Schlüsselmomentum in der Begleitung besteht darin, die Schulen zu unterstützen und zu bestärken, dass sie ihrem ureigenen Erkenntnisinteresse nachgehen, das heisst, dass sie die Fragestellungen so formulieren, dass aus den Projekten letztlich ein unmittelbarer Nutzen für die eigene Schul- und Unterrichtsentwicklung hervorgeht. Weiterhin gilt es, gemeinsam mit den Schulen zu schauen, wie sie ihre Forschungsvorhaben möglichst alltagstauglich, aber dennoch systematisch aufbauen können. Es geht also keinesfalls darum, sie mit komplizierten Verfahren der wissenschaftlichen Datenerhebung und -auswertung zu belasten und damit der alltagstheoretischen Idee zusätzlichen Vorschub zu leisten, dass Forschung primär aus Fragebogen und Statistiken bestehe. Sondern vielmehr sollen den Schulen alternative methodologische Zugänge zum Schul- und Unterrichtsfeld aufgezeigt und insbesondere soll auch das Potenzial, das in bestehendem Datenmaterial (zum Beispiel in Texten von Schülerinnen und Schülern oder Sitzungsprotokollen) steckt, sichtbar gemacht werden. Kurzum: Es geht darum, die Schulen so zu begleiten, dass Aufwand und Ertrag stimmig sind, sodass Evaluation nicht als Last, sondern als etwas Lustvolles und Anregendes erlebt werden kann.

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