Wenn Schulen ihre Praxisplätze managen

Ein wichtiger Teil der Ausbildung zur Lehrerin / zum Lehrer sind Praxiseinsätze in den Schulen. Bei geleiteten Schulen werden die Praxisplätze zu einem «Gut», das aktiv bearbeitet werden muss, um einerseits für die Lehrpersonen in Ausbildung und andererseits auch für die Schule nützlich zu sein.

Als kürzlich ein Schulleiter einer öffentlichen Schule an einer Tagung zum Thema „Asset Management – nur für Profitorganisationen?“ meinte, dass er wie andere Organisationen auch für seine Schule auf der Suche nach „kommerzialisierbaren Assets“ sei, hat das zuerst Erstaunen ausgelöst. Eine Antwort auf dessen Meinungsäusserung war spontan von einer Teilnehmerin: „Was um Himmelswillen willst du als Schulleiter für Leistungen verkaufen, die über das Unterrichten gemäss dem öffentlichen Auftrag hinausgehen?“ Die Frage hat uns als Vertreter der Lehrerinnen- und Lehrerbildung nicht losgelassen.

Wir meinen darauf, eine interessante Antwort gefunden zu haben: Ein Asset – ein längerfristig nutzbares Wirtschaftsgut – sei dasjenige der Schule als Lernort, insbesondere als „Ausbildungsplatz für PH-Studierende“. Bei diesem Asset geht es weniger darum, Geld zu verdienen, als darum, erstens den künftigen Lehrpersonen an einer Schule einen professionell betreuten Praxis- bzw. Ausbildungsplatz anzubieten. Zweitens sollen durch dieses Ausbildungsengagement die Schulen direkt profitieren. Und ausserdem geht es um die Verantwortung der Schulen, an der Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern teilzuhaben.

Breiter Nutzen des Assets „Ausbildungsplatz“

  1. Schule als Lernort – Nutzen für die Lehrpersonen in Ausbildung: Unterrichten und Erziehen haben auch eine handwerklich Komponente. Gutes Handwerk will eingeübt sein. Lange Zeit hiessen die Praxisschulen nicht zu Unrecht „Übungsschulen“. Schulen bieten Gelegenheiten zu üben. Pädagogisch kluges Handeln umfasst jedoch mehr als das Bild des Übens suggeriert. Theorie geleitetes Planen, Handeln und Nachdenken über das eigene Handeln geben dem Üben einen tieferen Sinn. Und es sind durch die Wissenschaften vermittelte, sich persönlich zu eigen gemachte Theorien die schliesslich situativ adäquates Handeln ermöglichen. Wie es gelingt, Theorie und Praxis zu verbinden, ist nicht zuletzt davon abhängig, wie Praxislehrpersonen die Lernprozesse von Novizen im Fach des Unterrichtens und Erziehens anleiten und moderieren. Die Lernwirksamkeit von Praktika ist in hohem Masse von der Betreuungsqualität der Schule und der Praxislehrperson abhängig.
  2. Schule als Lernort – Nutzen für die Schule: Schulen, die aktiv mitwirken, Lehrerinnen und Lehrer auszubilden, haben einen vielfältigen Nutzen, sofern sie die „Assets“ auch aktiv bewirtschaften:
    Schulen haben die Möglichkeit, von den „Neuen im System“ Rückmeldungen zu erhalten, wie die Schule wahrgenommen wird. Diese Feedbacks sind erfrischend, hilfreich und weiterführend,   manchmal (hoffentlich) auch irritierend.
    Nicht nur Praxislehrperson, sondern ganze Schulen erhalten neue Impulse. Novizen sind Träger/innen neuer Erkenntnisse aus Theorie und Empirie. Für Schulleitende ist es eine interessante Herausforderung, Transferprozesse so zu gestalten, dass das Wissen von Novizen in der Schulpraxis fruchtbar werden kann.
    Schulen knüpfen Beziehungen zu potentiellem Personal, zu Personen, die man dereinst gerne anstellen würde. Hierfür gibt es schon viele Erfolgsbeispiele.
    Schulen, die den Ausbildungsplätzen einen hohen Stellenwert einräumen, unterstützen eine Lern- und Entwicklungskultur im Sinne der lernenden Organisation.
    Lehrpersonen in Ausbildung zu betreuen erfordert Zeit; es ist eine zusätzliche Aufgabe. Gleichzeitig kann der Einsatz von Praktikantinnen und Praktikanten auch entlasten, je nach Ausbildungsgrad und Fähigkeiten einer Person, die in Ausbildung ist.
  3. Nutzen als Lernort – Nutzen für die Schülerinnen und Schüler: Der Nutzen für die Schülerinnen und Schüler offensichtlich: Kaum eine Unterrichtsstunde ist so durchdacht, so gut präpariert, wie es früher hiess, wie eine Übungslektion. Neue Lehr- und Lernkonzepte kommen zur Anwendung. Der Unterricht gewinnt an Abwechslung. Eine andere Lehrperson ermöglicht auch andere Beziehungen zu den Schülerinnen und Schüler; sie nimmt andere Einschätzungen vor und vermittelt unter Umständen Botschaften, die einzelnen Schülerinnen und Schüler neue Entwicklungschance eröffnen. Es gibt auch weniger Offensichtliches: Praxislehrpersonen und Lehrpersonen in Ausbildung sind Modelle fürs berufliche Lernen. Dazu gehören Sorgfalt und Experimentierfreude, Handeln und Reflexion, Erfolg und gelegentliches Scheitern. Schülerinnen und Schüler erfahren beiläufig, wie Lehrerinnen und Lehrer lernen.
  4. Schulen als Lernort – eine Verpflichtung: Wenn Grosskonzerne wie Glencore u.a. aufhorchen lassen, weil diese Giganten im globalen Wettbewerb mit Sitz in der Schweiz kaum Lernende ausbilden, dann geht ein Aufschrei durch die Landen. Dass es viele Schulen gibt, die sich (noch) nicht an der Ausbildung von Lehrpersonen beteiligen, wird hingegen von kaum jemandem moniert. Von den Ausbildungsverantwortlichen wissen wir, dass es nicht einfach ist, ausreichend Schulen bzw. Praxislehrpersonen zu finden, die bereit sind, an der Ausbildung von Lehrpersonen teilzuhaben. Es könnte vermutet werden, dass die Balance zwischen Geben und Nehmen in diesem Arrangement noch nicht stimmt. Unseres Erachtens wird die Verpflichtung und der kurz- und langfristige Nutzen, bei der Berufsausbildung des eigenen Standes mitzuwirken, zu wenig stark gewichtet.

In der Rhetorik des Asset-Managements stellt sich noch die Frage nach dem materiellen Nutzen. Praxislehrpersonen werden entschädigt. Die Praxisschulen konnten bisher von der PH Luzern offerierte Weiterbildungen kostenlos beziehen. Grundsätzlich stellt sich die Frage, ob nicht vor allem die Schulleitungen finanzielle Mittel erhalten müssten. Schulleitungen mit finanziellen Ressourcen wären dann in der Pflicht, ihre Schule als Ausbildungsstätte zu gestalten.

Was ist neu daran?

In Schulen gibt es Praxislehrpersonen. Und inzwischen ist die Praxisausbildung auch so konzipiert, dass es bei der Praxisausbildung nicht nur ums Unterrichten sondern auch um die Schule als professionelle Lerngmeinschaft und Arbeitgeberin geht. Neu ist, dass Schulleiterinnen und Schulleiter die „Ausbildung von Lehrkräften“ in ihrer Schule aktiv – als Asset – bewirtschaften. Was dies bedeuten könnte, hat unser Blog zu skizzieren versucht.

Wir geben gerne zu: Die Tagung zum Thema „Asset Management – nur für Profitorganisationen?“ ist uns im Gespräch eingefallen, weil wir der Auffassung sind, dass das Asset-Management – als Idee – durchaus für Schulen relevant sein könnte. Ein Beispiel dafür ist die Praxisausbildung von Lehrpersonen. Zum Abschluss unserer „Spintisiererei“ meinte der Schulleiter: „Da müsstet Ihr von der PH Luzern nun ein neues Modul in die Schulleitungsausbildung aufnehmen, und zwar das „Asset-Management Praxisplätze“.

08.März.2015 / Martin Riesen, Jürg Arpagaus

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