PH Dozierende und die Berufsbildung – eine Bestandesaufnahme

Rudolf Strahm fordert in seinem neusten Buch „Die Akademisierungsfalle“, dass die Berufswahlkunde in den Leistungsauftrag jeder Pädagogischen Hochschule gehört (vgl. Strahm, 2014:83). Nur wenn die Lehrpersonen, die in der Regel den gymnasialen Weg gewählt haben, vertiefte Kenntnisse über die Möglichkeiten und Wege in der Berufsbildung und die Übertritte an die Hochschulen und Universitäten kennen, sei eine adäquate und ausgewogene Berufswahlkunde möglich. Heute gibt es Indikatoren, die darauf hindeuten, dass Lehrpersonen den Berufsbildungsweg überproportional oft schlechter als den allgemeinbildenden Weg bewerten (vgl. Bildungsbericht 2014). Da stellt sich für die Pädagogischen Hochschulen die Frage, ob die PH-Dozierenden das Berufsbildungssystem ausreichend differenziert verstehen.

Die Berufsbildung ist heute ein fester Bestandteil an den Pädagogischen Hochschulen. Berufsleute können sich an den Pädagogischen Hochschulen insbesondere in den Bereichen der Pädagogik und Didaktik aus- und weiterbilden. Es sind Ingenieure, Juristinnen, Historiker/innen aber auch Bäckermeister, Kaufmännisch Angestellte oder Managerinnen, die sich zum Berufsfachschullehrer, zur Lehrperson an Berufsmittelschulen, zur Bildungsverantwortlichen in Betrieben, zum Dozent der Höheren Fachschulen oder zur Eidg. Dipl. Erwachsenenbildnerin an den Pädagogischen Hochschulen ausbilden lassen. Für die Weiterqualifizierung und Spezialisierung stehen den Berufsbildungsverantwortlichen mit einem eidgenössischen Abschluss Zertifikatsstudiengänge wie der CAS Bilingualer Unterricht in der Berufsbildung oder der CAS FiB – Lehren im Berufsattest zur Verfügung.

Organisatorisch und personell ist die Aus- und Weiterbildung der Lehrpersonen in der Berufsbildung in den Pädagogischen Hochschulen meist von der Aus- und Weiterbildung der Lehrpersonen der Volksschule mehr oder weniger stark getrennt. Heute ist es jedoch weitgehend anerkannt, dass die zwei Bereiche durchaus voneinander lernen können. Auch die möglichen Spillover-Effekte und Synergien werden mehr und mehr akzeptiert. Die Diffusion von Erfahrungen, Alltagssituationen und Anforderungen aus der Wirtschaft und der Berufswelt in die Volksschule hinein könnte eine wertvolle Bereicherung des Unterrichtsalltags sein. Auf der andern Seite können Erkenntnisse der Forschung aus den Bereichen Fachdidaktik, Pädagogik und Didaktik in der Berufsbildung adaptiert und nutzbar gemacht werden. Um die zwei Welten näher zueinander zu bringen, haben sich die Dozierenden der PH Luzern einen Halbtag am Campus Sursee – theoretisch und praktisch – mit der höheren Berufsbildung auseinandergesetzt.

Im Rahmen einer nicht-repräsentativen (spontanen) Umfrage wurde eine Gruppe von Dozierenden der PH Luzern gefragt, wie hoch sie den Anteil der Dozierenden an der PH schätzen, die über die Berufsbildung Bescheid wissen. Die Einschätzungen variieren von 10 Prozent bis 95 Prozent. Im Schnitt schätzen die Dozierenden, dass die Mehrheit (57%) der Dozierenden an der PH Luzern die Berufsbildung gut kennen. Erstens sei die berufliche Orientierung in der Ausbildung zur Sekundarlehrperson mit 40 Stunden ein fester Bestandteil der Ausbildung an der PH Luzern. Zweitens würden viele der Dozierenden die Berufsbildung aus ihrer Erfahrung als Eltern, die ihre Kinder beim Übergang Sek I – Sek II begleitet haben, kennen. Schliesslich – so wurde argumentiert – gehören Kenntnisse über das Berufsbildungssystem zur Allgemeinbildung.

In zwei Fokusgesprächen mit 15 Dozierenden wurde über die Berufsbildung und deren Implikationen für die Pädagogische Hochschule diskutiert. Am Anfang der Diskussion stand die Frage, welches die wesentlichen Merkmale der Berufsbildung seien. Wenn die spontan formulierten Rückmeldungen der PH-Dozierenden zu den Besonderheiten der Berufsbildung analysiert wird, dann fallen folgende Punkte auf: Erstens wird die Berufsbildung als ein duales System bezeichnet, das sowohl theoretische Fachausbildung wie auch die praktische Ausbildung umfasst. Erstaunlich in diesem Zusammenhang ist, dass diese duale Ausbildung nicht in den Zusammenhang mit dem kompetenzorientierten Lernen an drei Lernorten gebracht wurde, was aus pädagogisch-didaktischer Sicht doch ein zentrales Element der beruflichen Grundbildung ist. Zweitens scheint den PH-Dozierenden bewusst zu sein, dass die Berufsbildung den Jugendlichen Perspektiven bietet und neue Perspektiven eröffnet. Dies wird in Aussagen wie „kein Abschluss ohne Anschluss“, „viele Wege stehen offen“ oder „markttauglich“ und „gute Berufsaussichten“ deutlich. Das institutionelle Setting in der Berufsbildung scheint nur teilweise bekannt zu sein. So werden zwar die zentrale (eidgenössische) Steuerung und der „starke Einbezug“ der Organisationen der Arbeit (OdA), d.h. die Berufsverbände genannt. Die Rolle der OdA als Verantwortliche für die Zielkompetenzen und Lerninhalte oder die Rolle der Kantone, die drei Viertel der Kosten der öffentlichen Hand (2.7 von 3.5 Milliarden Franken) in der Berufsbildung tragen und Umsetzungs- und Aufsichtsaufgaben wahrnehmen, wurden hingegen nicht formuliert.

Die Relevanz der Berufsbildung für die PH-Dozierenden der Volksschulbildung wurde sehr kontrovers beurteilt. Die einen sind der Meinung „das brauche ich nicht; das tangiert mich nicht“ bis hin, dass vor allem auch die Praxislehrpersonen die Berufsbildung ausgezeichnet kennen sollten. Die Bildungssystematik zu kennen sei das eine; die gelebte Praxis zu kennen, sei aber etwas anderes. Der Zugang zu der Berufsbildungspraxis sei für die PH-Dozierenden schwierig. Dies gilt insbesondere für den Zugang zu den Betrieben, den überbetrieblichen Kurse aber auch zu den Organisationen der Arbeit (OdA).

Mit dem halbtägigen Eintauchen in die (höhere) Berufsbildung konnten die PH-Dozierenden der PH Luzern den Groove der Berufsbildung hautnah erleben. Nicht nur die Einführung in die praktische Umsetzung der Rahmenlehrpläne, sondern auch die Beobachtung von Maurerlernenden bei der Arbeit in den Maurerhallen des Campus Sursee und das eigenhändige Bedienen eines Raupenbaggers haben die Welt der Berufsbildung den PH-Dozierenden ein Stück näher gebracht. In diesem Sinne ist die PH Luzern der Forderung von Rudolf Strahm in einem sehr praktischen Sinn nachgekommen.

Dr. Jürg H. Arpagaus, Prorektor, PH Luzern

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