Bringt das Handwerk zurück in die Volksschule

In der Berufsbildung wird das abnehmende Interesse an handwerklichen Berufen beklagt, obwohl die Nachfrage nach handwerklichen Qualitätsprodukten zunimmt. Muss das Handwerk an den Volksschulen präsenter werden?

Die Weihnachtszeit ist auch die Zeit der Weihnachtsmärkte. Angeboten werden handgefertigte Arbeiten aus Holz, Glas, Metall, Keramik, Leder, Wolle, Stoff oder Filz. Die vielfältigen Produkte und Materialien machen einmal mehr deutlich, wie vielseitig das Handwerk ist. Gemäss der Bestandesaufnahme von Häfli et al. (2011) können in der Schweiz  307 Handwerksberufe unterschieden werden. Traditionelle Handwerksberufe gehören zum kulturellen Erbe der Schweiz. Obwohl mit zunehmendem ökonomischem Wohlstand die Nachfrage nach solider handwerklicher Arbeit zunimmt, sind ein Drittel der Handwerksberufe heute hoch gefährdet auszusterben oder sind schon ausgestorben (vgl. Häfli et al., 2011). Die 45 Prozent der Handwerksberufe, die formal im Rahmen einer beruflichen Grundbildung (EFZ, EBA) erlernt werden können, sind tendenziell weniger stark vom Aussterben bedroht.

Präsenz des Handwerks in den Schulen

Schülerinnen und Schüler wählen eher Berufslehren, die sie kennen und von denen sie sich selber ein Bild machen können. Die jährlich veröffentlichte Liste mit den „Top-20-Berufen“ – seit Jahren von der kaufmännischen Berufslehre angeführt – helfen den Jugendlichen wenig, die Vielfallt der rund 250 Berufslehren oder gar die gut 300 Handwerksberufe kennenzulernen. Soll das Handwerk und die handwerkliche Tätigkeit tradiert, geschätzt und gepflegt werden, muss das Handwerk in der Volksschule fassbar sein. Die im Lehrplan 21 formulierten (handwerklichen) Kompetenzen in den Fächern Wirtschaft, Arbeit und Haushalt (WAH) und Textiles und Technisches Gestalten (TTG) reichen kaum aus, den Jugendlichen das Wesen und die Schönheit des Handwerks und des handwerklichen Könnens näher zu bringen. Deshalb spricht der Lehrplan 21 zudem beispielsweise bei den didaktischen Hinweisen im Fach Natur, Mensch, Gesellschaft (NMG) vom Einbezug ausserschulischer Lernorte wie Handwerksbetriebe oder vom konkreten Handeln als leitendes Prinzip in einzelnen Unterrichtsteilen, in welchen Schülerinnen und Schüler das Zusammenspiel von manuellen handwerklichen Arbeiten sowie denkendem Steuern und Nachvollziehen üben.

Töpfer- und Seifensiedkurse für Lehrpersonen

Wenn die Vielfalt der Handwerksberufe Teil des Schulunterrichts sein soll, dann müssen die Lehrpersonen mit den Tätigkeiten, Verfahren und Materialien der Handwerksberufe vertraut sein. Handwerksberufe kennenzulernen war in der Vergangenheit über Weiterbildungskurse möglich. Die „Töpferkurse“, wie die handwerklich geprägten Kurse oft despektierlich genannt werden, sind in den letzten Jahren stark unter Druck gekommen und mussten zum Teil andern Kursen weichen. Eine Tendenz, die aus kultur- und bildungspolitischer Perspektive gestoppt werden muss. Sollen auch künftig die Handwerksberufe als Berufsperspektive für die Schülerinnen und Schüler fassbar werden, und sollen auch künftig die klassischen Werte des Handwerks – Authentizität, Genauigkeit, Langlebigkeit, Hochwertigkeit und Verlässlichkeit – am Praktischen vermittelt werden, dann braucht es eine Offensive, das Handwerk zurück in die Volksschule zu bringen. Die Lehrpersonen sind prädestiniert, das Handwerk in ihren Unterricht zu integrieren. Das können sie am besten, wenn sie ihre eigenen theoretischen und praktischen Erfahrungen, wie beispielsweise mit der Tuchfärberei, dem Kesselflicken, dem Zwirnen oder dem Fallenbau, gemacht haben. Um entsprechende Kurse den Lehrpersonen zugänglich zu machen, sind die Pädagogischen Hochschulen, die Berufsverbände und die Handwerksbetriebe angehalten, im Interesse aller zusammenzuarbeiten, Angebote für Lehrpersonen zu entwickeln und durchzuführen.

Prof. Dr. Jürg H. Arpagaus, Prorektor, PH Luzern

 

 

Ein Kommentar zu “Bringt das Handwerk zurück in die Volksschule

  1. Sehr geehrter Herr Arpagaus

    Mit Freude lese ich die Überschrift Ihres Beitrags – auch mich beschäftigt die qualitative Ausrichtung des handwerklichen Unterrichts an unseren Primarschulen seit längerer Zeit.

    Als Primarlehrerin unterrichte ich selber zurzeit an der Mittelstufe II TG nebst vielen anderen Fächern auch Werken, in Zusammenarbeit mit einer Handarbeitslehrerin, welche meine Klasse auf top Niveau in Handarbeit unterrichtet. Die Kooperation mit dieser kompetenten Fachlehrerin bringt einen hohen Mehrwert für einen guten Unterricht an unserer Klasse.

    Als Leserin Ihres Beitrags teile ich Ihr Anliegen, dass technischen Fertigkeiten und der Zugang zu den Qualitäten handwerklich hergestellter Produkte mehr Gewicht im Unterricht der Volksschule erhalten sollten. Ich würde die Ziele noch um einen wichtigen Schwerpunkt erweitern: TG ist auch eine Schulung der Wahrnehmung von „Kostbarkeit“. In einer zunehmenden Wegwerfgesellschaft bedeutet es ein wichtiges Erziehungsziel, Lernende die Kostbarkeit von Material, den sorgfältigen und sparsamen Umgang mit Wertstoffen erleben zu lassen. Dazu kommt, dass gefertigte Werkstücke einen nicht materiellen Wert erhalten, der nicht mit Geld aufzuwiegen ist. Es freut mich immer wieder zu sehen, wie Lernende begeistert ein Werkstück nach Hause bringen, welches ihnen viel wertvoller ist als ein entsprechender Gegenstand, welchen sie in Grosskaufhäusern für wenige Franken kaufen könnten. Das ist keine Selbstverständlichkeit! Dahinter stehen vermittelte Werte, pädagogische Haltungen, guter Unterricht und, mit Verlaub, GUTE LEHRKRÄFTE!

    Als Konsequenz Ihres Anliegens lese ich die Forderung, mehr Weiterbildungskurse für Lehrpersonen anzubieten. Nichts gegen Weiterbildungskurse, auch wenn ich nun vielleicht nicht gerade ausgerechnet einen Kesselflick-Kurs wählen würde, ich fände bestimmt auch etwas, womit ich meine Lernenden besser abholen könnte (oder haben Sie noch Metallkessel daheim?).
    Trotzdem: für mich brennt das Thema ganz woanders – und es brennt lichterloh! Es brennt, weil die Anzahl der TG-Lektionen im neuen Lehrplan drastisch gekürzt werden. Es brennt, weil wir jährlich PH-Praktikantinnen im Fach TG betreuen, welche weder Nähmaschinen bedienen noch stricken noch ein Schnittmuster anwenden können und sich kaum zutrauen, unser Werkzeug oder Maschinen im Werkraum mit Lernenden einzusetzen. Es brennt, weil dieses Fach ganz offensichtlich auf der Prioritäten-Liste in der Lehrerausbildung immer weiter nach unten verschoben wird. Es brennt, weil wir ständig für die Ausrüstung unserer Werkräume kämpfen müssen.

    Als Prorektor der PH Luzern haben Sie eine Funktion, in der Sie sich für das Fach TG und damit auch für gute TG-Lehrkräfte einsetzen können. Vielleicht hätte die eine oder andere erfahrene TG-Lehrperson, wenn man sie fragen würde, auch noch ganz gute Ideen für die qualitative Förderung dieses Fachs anzubieten.
    Ihre vorgeschlagenen Ideen können ein Beitrag sein, aber ich werde den Verdacht nicht los, dass es letztlich Ideen sind, die Ihnen das Generieren von möglichst vielen Weiterbildungskurs-Stunden an Ihrer PH ermöglicht. Ich finde es legitim, wenn Sie sich um das Marketing der PH Luzern kümmern. Aber es ist schade, wenn Sie das Anfassen der wirklich heissen Eisens vermeiden – sprich: Lehrplan 21 und Qualität der Ausbildung – nicht Weiterbildung!! – an der PH.

    Ich merke, wie sehr es mich auf die Jahre ermüdet, immer wieder zu lesen, dass für die Verbesserung an den Schulen wir Lehrkräfte einfach mehr Weiterbildungen machen müssten. Ich bin umgeben von Lehrerinnen und Lehrern, die sich permanent weiterbilden und die sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten mit riesigem Engagement einsetzen. Wir denken viel darüber nach, was wir noch besser tun können und setzen um, was wir können. Ich erwarte auch von Mitarbeitern einer PH, dass sie das tun, vielleicht gar selbstkritisch. Dann würde ich es vielleicht so wahrnehmen, dass man uns Lehrpersonen wieder weniger als „Kunden“ (für Kurse) sieht, sondern als Qualitätsvermittler, deren Arbeit es wert ist, mit möglichst guten Rahmenbedingungen unterstützt zu werden.

    Freundliche Grüsse
    Barbara Maisch

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