Systembruch zwischen Berufsmatur und Höherer Berufsbildung?

Die Berufsmaturität hat sich in der Schweiz zum Erfolgsmodell entwickelt. So werden aktuell jährlich über 10’000 Berufsmaturitätszeugnisse vergeben (SBFI, 2013). Gleichzeitig scheint die höhere Berufsbildung an Attraktivität zu verlieren. Nun unternimmt der Bund Anstrengungen, die höhere Berufsbildung zu stärken. Können die Massnahmen den Umschwung bringen oder liegt ein Systemfehler vor?

Die grosse Stärke der Berufsbildung in der Schweiz sind die vielfältigen Entwicklungsperspektiven, die sie allen Jugendlichen eröffnet. Die berufliche Grundbildung garantiert eine hohe Employability, weil sich die erworbenen Kompetenzen an den Bedürfnissen der Wirtschaft orientieren. Denn es sind die Organisationen der Arbeit, die für ihre Berufe die Qualifikationsanforderungen festlegen. Entsprechendes gilt für die höhere Berufsbildung mit der eidgenössischen Berufsprüfung und der höheren eidgenössischen Fachprüfung.

Nach der beruflichen Grundbildung stehen den Jugendlichen entsprechend ihren Kompetenzen, Präferenzen und Möglichkeiten mehrere Karrierewege offen. Ein Weg führt über die Berufsmaturität, die während oder nach der beruflichen Grundbildung, absolviert wird. Der Kanton Luzern schreibt auf seiner Homepage: „Die Berufsmatura (BM) ergänzt die Berufslehre und [… ] richtet sich an Jugendliche und Berufsleute, die bereit und fähig sind, eine besondere Leistung zu erbringen.“ Wer die Berufsmaturität mit erweiterter Allgemeinbildung besteht, kann prüfungsfrei ein Studium an einer Fachhochschule aufnehmen.

Erfolgsmodell mit Selektionscharakter

Die Berufsmaturität gilt in der Schweiz als Erfolgsmodell, obwohl die mit der Berufsmaturität verbundene Selektion die in der Berufsbildung beklagte Wertung zwischen dem Hochschulweg und dem Weg der höheren Berufsbildung hervorruft. Jugendliche mit Berufsmaturität entscheiden sich mehrheitlich für das Studium an einer Fachhochschule und nicht für den Weg der höheren Berufsbildung. Einige Gründe sprechen für das Fachhochschulstudium: Erstens können sich Jugendliche mit einer Berufsmatur ohne Verzögerung an den Fachhochschulen weiterentwickeln. Sie müssen nicht zuerst ein paar Jahre in der Berufspraxis die Sporen abverdienen, bevor sie den nächsten Schritt (mit einem Abschluss) vollziehen können. Zweitens sind die Kosten, d.h. die Studiengebühren wesentlich tiefer an einer Fachhochschule als diejenigen in der höheren Berufsbildung. Schliesslich gilt der Sozialstatus von Hochschulabsolventen/innen als höher, als derjenige der Absolventen/innen der höheren Berufsbildung, auch aufgrund der bestandenen Selektionen.

Systemfehler oder mangelnde Anpassung?

Für mich stellt sich die Frage, ob hier ein Systemfehler vorliegt. Scheidet das Berufsbildungssystem über die Berufsmaturität Jugendliche aus der höheren Berufsbildung aus? Leidet das Ansehen der höheren Berufsbildung deshalb, weil die stärksten Jugendlichen mit beruflicher Grundbildung den Weg über die Berufsmaturität an die Hochschule wählen? Hat sich die höhere Berufsbildung zu wenig an das Erfolgsmodell der Berufsmaturität angepasst? Wie kann die höhere Berufsbildung auch für junge Berufsleute mit Berufsmaturität ein attraktiver Weg sein?

Prof. Dr. Jürg H. Arpagaus, Prorektor, PH Luzern

Ein Kommentar zu “Systembruch zwischen Berufsmatur und Höherer Berufsbildung?

  1. Systemfehler? Nein.
    Ich, selber Student an einer höheren Fachschule, stand ebenfalls vor dieser Entscheidung. Heute frage ich jede junge, motivierte Person, welche sich für die Berufsmaturität interessiert, ob sie denn wirklich an der Fachhochschule studieren will. Ist sie sich nicht sicher, will sich aber trotzdem weiterbilden, empfehle ich wärmstens den Weg in der höheren Berufsbildung.

    Klar ist der Sozialstatus von Absolventen der FH beim direkten Vergleich höher, entscheidend ist jedoch, dass wir in der Wirtschaft auf allen Stufen qualifizierte und geforderte Arbeitnehmer haben (Stichwort mittleres Kader). Erreichen wir das nicht und es wählen (zu) viele den Hochschulweg, droht die Akademisierungsfalle.

    Ich persönlich hoffe/erwarte, dass sich Nachwuchskräfte gut mit der Frage auseinandersetzen, wlechen Weg sie einschlagen wollen.

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