Können oder wollen Lehrpersonen ihren Beruf nicht wechseln?

Lehrerinnen und Lehrer wechseln seltener ihren Beruf als dies Ingenieurinnen und Ingenieure tun. Auch die Verweildauer im Beruf, gehört bei den Lehrpersonen zu den höchsten. Diese Tatsache ist immer wieder Anlass, die Frage nach dem Lehrberuf als Sackgassenberuf zu stellen. Ich argumentiere hier, dass der kleine Anteil an Berufswechsler und die hohe Verweildauer im Lehrberuf ein wesentliches Qualitätsmerkmal des Lehrberufes ist.

Welcher Anteil an Lehrpersonen wechselt in andere Berufe? Ein Blick auf die Mobilitätsmatrix (vgl. Maier et al., 2010) zeigt, dass Lehrpersonen zu den Berufsgruppen mit der tiefsten Berufswechselrate gehören. Geringer als bei den Lehrpersonen ist der Anteil an „Berufswechslern“ bei den Hilfsarbeitern. Nur gerade 7.5% von Ihnen wechseln ihren „Beruf“. Bei den Hilfskräften kann angenommen werden, dass es die mangelnden Opportunitäten sind, die einen Berufswechsel verhindern. Ebenfalls eine geringere Wechselrate (12.5%) haben die Gesundheitsberufe mit staatlicher Zulassung (z.B. Ärzte). Bei dieser Berufsgruppe liegt die Annahme nahe, dass der monetäre Anreiz, den Beruf zu wechseln zu gering ist. Bei den Lehrpersonen bleiben knapp 80% im Beruf, d.h. rund 20 % steigen aus dem Lehrberuf aus und in einen andern Beruf ein (vgl. Maier et al., 2010). Bei Lehrpersonen mit einer seminaristischen Ausbildung wechseln gemäss Herzog et al. (2007) gerade mal jeder zehnte Lehrperson in einen ausserschulischen Bereich.

Berufswechsel aus Zwang

Weshalb wechseln Berufsleute ihren Beruf? Ein Grossteil der Berufswechsler muss ihren erlernten Beruf mangels Arbeitsnachfrage verlassen und in einen andern Beruf einsteigen. Der Rückgang der Arbeitsnachfrage kann sowohl konjunkturell wie auch strukturell bedingt sein. Die Erwerbslosigkeit, oder die drohende Erwerbslosigkeit, führt also zum Wechsel des Berufs. Gemäss Humankapitaltheorie (Becker, 1993) sind Berufswechsel mit Einkommenseinbussen verbunden, da sie einen Teil ihres berufsspezifischen Humankapitals (Kompetenzen) nicht mehr produktiv einsetzen können. Berufswechsel sind entsprechend mit Investitionen in neue Kompetenzen verbunden Beim Lehrberuf kennen wir keine konjunkturbedingten Nachfrageeinbrüche. Die Nachfrage bleibt noch sehr stabil und kann relativ gut prognostiziert werden. Lehrpersonen werden seltener, oder mit einer viel tieferen Wahrscheinlichkeit, aus Mangel an Arbeitsnachfrage aus dem Lehrberuf gedrängt. Berufswechsel werden bei Lehrpersonen jedoch durch die zu erwartenden Kosten des Wechsels gehemmt. Kosten fallen nicht nur für die notwendigen Aus- oder Weiterbildungen an, sondern auch in Form von Autonomieverlust, vom Verlust der Investitionen in Unterrichtsmaterialien oder durch Lohneinbussen.

Wechsel mit der Aussicht auf mehr Lohn

Wechseln Lehrpersonen aufgrund eines erwarteten Lohnzuwachses ihren Beruf? Lehrpersonen werden ihren Beruf nur dann wechseln, wenn die Rendite eines Berufswechsels die Investitionen in den Wechsel wesentlich übersteigt. Das heisst, entweder lockt eine sehr hohe Rendite oder die Investitionen bleiben bescheiden. Wie Herzog et al. (2007) gezeigt haben, verbleibt die grosse Mehrheit der Lehrpersonen mit seminaristischer Ausbildung innerhalb des Bildungsbereichs. Die wenigen Lehrpersonen (10%), die in einen „ausserschulischen Beruf“ wechseln, deuten darauf, dass die Investitionen in den Berufswechsel von Lehrpersonen tendenziell klein gehalten werden. Dass hohe Renditen Lehrpersonen aus ihrem Beruf ziehen können, zeigen die Beispiele der innovativen Branchen. Branchen, die in ihrer Boomphase unter dem Mangel an qualifiziertem Personal leiden, ziehen mit monetären Anreizen gerne die gut ausgebildeten Lehrpersonen an.

Lehrberuf vielfältiger den je

Der Lehrberuf ist ein sehr vielseitiger Beruf, der Platz für breite Interessen von Literatur und Mathematik über Sport zur Musik und vom Umgang mit Kindern, Eltern, Kollegen/innen und Behörden bietet. Gemäss Kuhn (2014) können zwei Drittel der Lehrpersonen ihre breiten Fähigkeiten voll einsetzen und einer überwiegenden Mehrheit der Lehrpersonen mach der Beruf Spass. In den letzten Jahren hat sich der Beruf stark ausdifferenziert. Heute können sich die Lehrpersonen entlang ihren Präferenzen weiterentwickeln und spezialisieren. Eine breite Palette an Weiterbildungsstudiengänge ermöglichen es heute den Lehrpersonen sich auf Hochschulniveau in integrativer Förderung, Begabten- und Begabungsförderung, im bilingualen Unterrichten, in E-Learning, im Mentoring usw. weiterentwickeln. Und seit der Tertiärisierung der Lehrerausbildung stehen den Lehrpersonen auch Veränderungsmöglichkeiten durch die „Fortsetzung“ des Studiums offen (z.B. MA Sekundarstufe I, MA Heilpädagogik, MAS Schulmanagement, MSc Berufsbildung), ohne das Berufsfeld zu wechseln.

Mir scheint, dass der geringe Anteil an Lehrpersonen, die ihren Beruf wechseln, nicht ein Zeichen des Festsitzens in einer Sackgasse ist, sondern ein Zeichen der vielseitigen Möglichkeiten und der Zufriedenheit im Beruf bei stabiler Arbeitsnachfrage ist.

Prof. Dr. Jürg H. Arpagaus, Prorektor, PH Luzern

 

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