Mehr Informatik für Lehrpersonen – ein Imperativ aus der Zukunft

Die Prognosen über die künftige Rolle der Informatik-Kompetenzen sind alarmierend. Ohne vertiefte Informatik-Kompetenzen wird der Arbeitsmarkt nur noch wenige interessante und gut bezahlte Jobs verfügbar haben. Mit dem Lehrplan 21 bekommt die Informatik in der Volksschule einen höheren Stellenwert. Sind auch die Lehrpersonen bereit, die Schülerinnen und Schüler in der Informatik auf die bevorstehenden Herausforderungen vorzubereiten?

Im Dezember letzten Jahres las ich den Blog „Should kids learn to code?“ Meine spontane Antwort war: Ja, klar, da ich das Programmieren als eine (neue) Kulturtechnik betrachte, wie Velofahren oder das Internet nutzen. Für mich stellten sich dann gleich die Fragen: Wo und wann wird mein Sohn, der 2017 in die erste Klasse gehen wird, programmieren lernen? Sind die Lehrpersonen auf die Kompetenzvermittlung im Informatikbereich ausreichend vorbereitet? Und ist das Programmieren wirklich so wichtig?

Die Rolle der ICT-Kompetenzen

Der Ökonom Tyler Cowen prognostiziert, dass die Ungleichheit in der Gesellschaft künftig stärker von den individuellen Kompetenzen abhängig sein wird. Der Massstab der Produktivität und damit des ökonomischen Wohlergehens sei nicht mehr das akkumulierte Humankapital (d.h. Anzahl Ausbildungsjahre), sondern die Kompetenz im Umgang mit neuen Technologien. Ich nenne diese Kompetenzen hier einmal ICT-Kompetenzen. Frey und Osborne (2013) sprechen davon, dass knapp die Hälfte der Arbeitsplätze in den nächsten 10 bis 20 Jahren aufgrund der „Computerisierung“ verschwinden wird. Es werde, so die Prognosen, zu einer Polarisierung der Jobs kommen. Am einen Ende sind die Jobs, bei welchen die Mitarbeitenden mit intelligenten Systemen zusammenarbeiten und deren zunehmende Möglichkeiten (z.B. Artificial Intelligence, AI oder Big Data) mit komplementären Kompetenzen ergänzen können. Am andern Ende finden sich die Jobs in Niedriglohnbereichen, die zwar Computer und Programme nutzen, nicht aber in Kollaboration mit ihnen treten. Die neue Ungleichheit, so Cowen (2013), wird vor allem durch die ICT-Kompetenzen bestimmt. Das heisst, wer künftig einen gut bezahlten, interessanten und sicheren Job haben möchte, muss hervorragende ICT-Kompetenzen mitbringen.

Schüler/innen mit dem Lehrplan 21 auf die Zukunft vorbereiten

Ausgehend von dieser Prognose stellt sich erstens die Frage, wie wir die Schulkinder auf diese Herausforderungen vorbereiten. Mit dem Modul Medien und Informatik des Lehrplans 21 wird ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung unternommen. Die Informatik und der Informatikunterricht werden ausgebaut und zu einem integralen Teil der Volksschulbildung. Mit dem Lehrplan 21 wird also auch sichergestellt, dass mein Sohn bereits im 2. Zyklus erste Programme „schreiben“ wird. Die zweite Frage, die der ersten vorgelagert ist, lautet: Wie können die Lehrpersonen darauf vorbereitet werden, die Schülerinnen und Schüler in ihren ICT-Kompetenzen effektiv zu fördern und das Interesse an der ICT und den damit verbundenen Aufgaben zu wecken?

Lehrpersonen auf dem Weg zum ICT-Champion

Lehrpersonen sind (noch) nicht dafür bekannt, dass sie die progressivsten ICT-Nutzer, Programmierer oder Treiber von ICT-Kompetenzen sind. Um die Schülerinnen und Schüler auf die Zukunft vorzubereiten, sollten sie sogenannte ICT-Champions sein, die motivierend mit hoher fachlicher und fachdidaktischer Kompetenz Medien und Informatik unterrichten können. Es ist nun an den Pädagogischen Hochschulen, die Lehrpersonen im Rahmen der LP21-Einführung Schritt für Schritt dahin zu führen.

Die PH Luzern bietet den Lehrpersonen der Primar- und Sekundarstufe einen sogenannten Intensivkurs MI im Umfang von 10 Halbtagen an. Das Ziel des Intensivkurses ist es, die Lehrpersonen zu befähigen, den Schülerinnen und Schülern bereits im 2. Zyklus u.a. das Programmieren beizubringen, Informatiksysteme und ihre Anwendungen für das Lernen zu nutzen und kritisch mit Medien umzugehen. Die an konkreten Umsetzungsbeispielen orientierte Weiterbildung befähigt die Lehrpersonen jedoch noch nicht dazu, als ausgebildete MI-Lehrpersonen zu agieren oder als ICT-Champions zu wirken. Lehrpersonen sollen künftig an der PH Luzern im Rahmen der Grundausbildung auch ein Facherweiterungsstudium MI absolvieren können, um die EDK-anerkannte Lehrbefähigung im Modul Medien und Informatik zu erhalten. Aufbauend auf dem Intensivkurs MI können Lehrpersonen ab Herbst 2017 im Zertifikatsstudiengang CAS Medien und Informatik für Lehrpersonen (CAS MIL) ihre Fachkompetenzen (Informatik und Medien) erweitern und die Fachdidaktiken anhand konkreter Beispiele vertiefen. Sowohl erbrachte Leistungen im Rahmen des Intensivkurses MI wie auch jene im CAS MIL können beim Facherweiterungsstudium angerechnet werden.

Lehrpersonen gehören gemäss Frey und Osborne (2013) zu den 10 Prozent der Jobs, die mit der geringsten Wahrscheinlichkeit durch Computer abgelöst werden. Dennoch werden – so Cowen (2013) – Computerprogramme ins Zentrum des Unterrichtens rücken und die Lehrperson zu einem wichtigen „add-on“, z.B. in der Vermittlung von Programmierkompetenzen werden. Ich bin gespannt, wer für meinen Sohn in der Informatikausbildung in der Volksschule wichtiger wird, die Informations- und Kommunikationstechnologie mit ihren Systemen, Anwendungen und Lernprogrammen oder die Lehrperson.

Prof. Dr. Jürg H. Arpagaus, Prorektor, PH Luzern

Ein Kommentar zu “Mehr Informatik für Lehrpersonen – ein Imperativ aus der Zukunft

  1. Es schein mir wichtig, dass der Begriff ICT korrekt verwendet wird.
    Medien und Informatik sind nicht gleichbedeutend mit ICT.
    ICT-Kompetenzen sind per se medientechnische Kompetenzen, Anwendungskompetenzen.
    Hier ziehen der Lehrplan 21 und die vorgängig (aber auch jetzt noch) laufenden Diskussionen klare Grenzen.
    ICT-Kompetenzen oder eben Anwendungskompetenzen sollte jede Lehrperson erwerben und später dann auch im Unterricht einsetzen, respektive zusammen mit den SuS erarbeiten, fördern.

    Die Aus- und Weiterbildung im Bereich der Anwendungskompetenzen ist daher zwingend bei allen Lehrpersonen anzustreben. Dazu gehören aber nicht nur die Skills, die Fertigkeiten, das persönliche (digitale) Wissensmanagement sondern auch didaktische Elemente. Wie setze ich mobile Geräte? Wie arbeiten, kooperieren und kommunizieren wir on- und offline zusammen?

    Spannend sind die aktuellen Diskussion in Deutschland und auch in der Schweiz:
    http://blog.doebe.li/Blog/DagstuhlDreieck
    Wie funktioniert das (eher informatische Bildung)?
    Wie wirkt das (eher Medienbildung)?
    Wie nutze ich das (eher Anwendungskompetenzen, ICT-Kompetenzen)

    Der Intensivkurs ist eine Einstiegshilfe. Das finde ich eine sehr zentrale Aussage. Es dürfte wohl eher ein Trugschluss sein, einer Lehrperson mit 10 Halbtagen u.a. das Programmieren (Informatik mit 4 Präsenzhalbtagen) beizubringen. Es ist aber ein erster Schritt, der es den Lehrpersonen ermöglicht auf einfache Weise mit den SuS erste kleine Einheiten auszuprobieren.
    Die LP sollen zudem motiviert werden, sich näher mit der Thematik Medien und Informatik (lebenslang => Robert Langen lässt grüssen => Ruhestand war gestern – Senioren verwirklichen Lebensprojekte) zu befassen. Analog z.B. dem Fremdsprachenlernen braucht es dann eine Vertiefung, damit die SuS genügend kompetent und differenziert gefördert werden. Gerade die Kinder im 2. Zyklus können über hervorragende Kompetenzen verfügen, die sie sich selber angeeignet haben. Wir erleben das in den aktuellen PrimaLogo-Projekten (http://primalogo.phlu.ch/).
    Es gibt kein anderes Fachgebiet in der Volksschule, das einem so schnellen und steten Wandel unterzogen ist, wie Medien und Informatik. Hier liegt die grosse Chance und gleichzeitig Aufgabe für die Weiterbildung.

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