Als Schulleitung den Lehrplan 21 kompetent einführen

Die Einführung des Lehrplans 21 könnte für erfahrene Schulleitende Anlass dafür sein, ihr Wissen und Können bezüglich Lehren und Lernen sowie Change Management zu aktualisieren. Der CAS Unterrichts- und Schulentwicklung der PH Luzern (Beginn: Mai 2015) bietet die Möglichkeit, sich für die Einführung des Lehrplans 21 fit zu machen.

Ausgangslage
Die Einführung von Lehrplänen ist per se nicht einfach, erstens weil bekannt ist, dass der Einfluss von Lehrplänen auf den Unterricht und die Unterrichtsentwicklung gering ist . Zweitens kommt beim Lehrplan 21 erschwerend hinzu, dass der Einführung eine kontroverse, zum Teil unsägliche Diskussion vorausgegangen ist.
Lehrpläne: mehr als ein Orientierungsinstrument?
Lehrpläne erreichen den Unterricht nicht immer: „Ein neuer Lehrplan? Kein Problem!“, ruft ein älterer Lehrer in die Runde seiner Kolleginnen und Kollegen. „Ich erlebe schon die dritte Lehrplanrevision und unterrichte immer noch gleich wie vor 25 Jahren.“ Die subjektive Erfahrung dieses Lehrers korrespondiert gut mit empirischen Studien, die darauf hin deuten, dass die mit Lehrplänen verbundenen Wirkungshoffnungen häufig überzogen sind (Dedering, 2012). Lehrpläne haben Einfluss auf die Auswahl von Zielen und Inhalten. Sie wirken aber kaum auf die unmittelbare Gestaltung des Unterrichts ein. Das könnte sich mit dem Lehrplan 21 ändern, weil die Kompetenzorientierung des Lehrplans, die als Gängelband für Lehrpersonen gegeisselt wurde, Lehrkräfte nutzen können, um ihren Unterricht entlang der konkret beschriebenen Kompetenzen aufzubauen. Der Lehrplan wäre dann kein Gängelband, sondern ein anregender Leitfaden für die persönliche Unterrichtsgestaltung einer Lehrperson, die Autonomie nicht Beliebigkeit verwechselt.

Lehrplan 21: Kontrovers diskutierter Auftrag
Die Lehrplaneinführungen erfolgen top down; es geht darum, einen politischen Auftrag umzusetzen. In Bezug auf den Lehrplan 21 kommt hinzu, dass dieser in der Öffentlichkeit kontrovers diskutiert wurde und immer noch wird: Vor allem die Kompetenzorientierung stand am Pranger. Unsäglich war die Debatte u.a. deshalb, weil unermüdlich behauptet wurde, es ginge darum inhaltsleere Kompetenzen zu vermitteln, eine Unterstellung jenseits von einer fachlich fundierten Auseinandersetzung mit kompetenzorientiertem Unterricht (vgl. Joller-Graf u.a., 2014). Die wirksam orchestrierte Empörung erschwerte die sachliche Auseinandersetzung mit Befürchtungen und Fragen, die im Zusammenhang mit dem Lehrplan 21 berechtigt sind und diskutiert werden müssen. Zusätzlich wurden die Bildungswissenschaften und die Bildungsverwaltung diskreditiert. Statt auf professionelle Allianzen zwischen Schulpraxis, Hochschulen und Verwaltung hinzuarbeiten, wurden Fronten aufgebaut. Vermittelnde Stimmen blieben unerhört. Diese vorrangig politisch motivierte Debatte gehört auch zur Ausgangslage, wenn es darum gehen wird, den Lehrplan 21 einzuführen.
Wie können Schulleitende unter dieser Voraussetzung die Einführung des Lehrplans 21 erfolgsversprechend angehen?

Als Schulleitung wissen, wofür man einstehen will!
Schulleitende müssen zum Lehrplan 21 über eine fachlich differenzierte, persönliche Haltung verfügen. Der Alltag lehrt uns, dass Entwicklungen, die von Führungskräften nicht getragen werden, regelmässig scheitern. Schulleitende müssen die aktuelle didaktische Diskussion kennen, sie müssen lern- und motivationspsychologisch à jour sein. Und sie müssen wissen, was unter einer kompetenzorientierten Unterrichts- und Schulentwicklung zu verstehen ist, welche Chancen und Gefahren damit verbunden sind. Pädagogische Führung setzt pädagogisches Wissen voraus. Dieses kann nur begrenzt an externe Weiterbildner/innen oder Beratungspersonen delegiert werden. Wenn Schulleitungen die Anstrengung vermeiden, sich pädagogisch-didaktisch weiterzubilden, schwächen sie sich und ihre Schule, weil Schulleitung und Schule wachsend von externen Experten und Expertinnen abhängig werden. Pädagogische Führung ist mehr als Moderation von Entwicklungsprozessen. Sie impliziert einen in Werten verankerten Sachverstand!

Sinn kann nicht gegeben, sondern muss gefunden werden!
(Zitat von Viktor Frankl 1905 – 1997)
Es gibt zwei Wege, wie Schulleitende mit bildungspolitischen Vorgaben umgehen können: Sie können auf das Müssen verweisen. Auftrag ist Auftrag! Nun müssen wir diesen umsetzen, ob es uns passt oder nicht. Der klügere Weg ist der zweite: Schulleitende ermöglichen im Kollegium Prozesse der Sinnfindung – auf der Grundlage eines fachlich fundierten Diskurses. Die Fragen dazu könnten lauten: Was verstehen wir unter Kompetenzorientierung? In welchem Begründungszusammenhang steht die Kompetenzorientierung mit aktuellen Erkenntnissen aus der Lern- und Unterrichtsforschung? Welche Chancen, aber auch welche Befürchtungen verbinden wir mit Philosophie und Ansprüchen des Lehrplans 21? Wie muss sich unser Unterricht weiterentwickeln, wenn wir die Lern- und Lehrprozesse verstärkt auf den Erwerb von Kompetenz ausrichten wollen? Was tun wir bereits im Sinne der Kompetenzorientierung? Ziel dieser Auseinandersetzung ist es, die politische Vorgabe, den Lehrplan 21 einzuführen, hinsichtlich des Kontextes einer Schule sinnstiftend zu interpretieren. Fend (2008) spricht von der Rekontextualisierung eines Auftrags. Ziel dieser Auseinandersetzung ist es, ein reflektiertes, gemeinsames Verständnis davon zu erarbeiten, was wirksames Lernen ausmacht und welche Anforderungen mit einem Unterricht verbunden sind, der verstärkt auf den Erwerb von Kompetenz ausgerichtet ist. Nur wer sich für diesen Weg entscheidet, erkennt die Gestaltungsräume, die letztlich mit jeder Vorgabe verbunden sind. Zu diesem Weg gibt es für Schulen mit dem Anspruch, eigenständig und eigenverantwortlich handeln zu wollen, eigentlich kaum eine Alternative.

Change Management nach den Regeln der Kunst
Wissen, wofür man einstehen will, und seine Haltung unaufdringlich engagiert in die Diskussion bringen sowie Prozesse der Sinnfindung anleiten, sind Führungsaufgaben. In Ergänzung dazu erfordert die Einführung des Lehrplans 21 Management- und Steuerungsaufgaben: beispielsweise eine transparente Planung oder die Verbindung der Unterrichts- und Schulentwicklung mit dem internen Qualitätsmanagement, das häufig noch aufgesetzt wirkt. Für die Einführung des Lehrplans 21 gibt es keine Technologie. Jede Schule muss ihre Entwicklung selber gestalten. Selbstbewusste Schulen tun das eigenständig, lust- und phantasievoll, angeleitet von einer kompetenten Schulleitung.

 

Literatur

Dedering, K. (2012) Steuerung und Schulentwicklung. Wiesbaden: Springer VS.
Joller-Graf, K., Zutavern, M., Tettenborn, A., Ulrich, U. & Zeiger, A. (2014) Leitartikel zum kompetenzorientierten Unterricht. Entwicklungsschwerpunkt Kompetenzorientierter Unterricht. Pädagogische Hochschule Luzern.
Fend, H. (2008b): Schule gestalten. Systemsteuerung, Schulentwicklung und Unterrichtsqualität. Wiesbaden: VS-Verlag

2 Kommentare zu “Als Schulleitung den Lehrplan 21 kompetent einführen

  1. Wir sind durch Zufall auf obigen Beitrag und v.a. das schöne Zitat von Viktor Frankl „Sinn kann nicht gegeben, sondern muss gefunden werden“ gestossen. Dabei ist uns ein Zitat von J.W. v. Goethe eingefallen, das hier sehr gut passt: „Willst dich an der Welt erfreuen, musst der Welt du Sinn verleihen.“ In diesem Sinne und mit besten Grüssen aus St. Gallen.

  2. Spannend! Herzlichen Dank für diesen guten Beitrag, dem ich voll und ganz zustimme. Ich hoffe, dass wir von der politischen endlich in die pädagogische Diskussion und damit zur Pädagogischen Schulführung kommen. Herzliche Grüsse aus Zürich.

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