Interkulturalität und internationale Kompetenzen in der Berufsbildung

Es heisst gerne, dass die Schweiz dank ihrer vier Landessprachen, Exportweltmeister sei. In einer globalisierten Welt werden internationale Kompetenzen gefordert, die über die multilinguale Kompetenz hinausgehen. Welchen Beitrag können Berufsfachschullehrpersonen leisten, die internationalen Kompetenzen der Lernenden in der beruflichen Grundbildung zu fördern?

Die Schweiz, ist ein Exportland par excellence. Neben den Grosskonzernen sind auch sehr viele KMU auf dem Weltmarkt tätig. Sie exportieren ihre Produkte und Dienstleistungen in alle Teile der Welt, lagern Bereiche ihrer Produktion ins Ausland aus, kaufen international ein und setzen Mitarbeitende auch im Ausland ein. Mit der Globalisierung steigt – gerade in einem exportorientierten Land mit einem kleinen Binnenmarkt – die Nachfrage nach „internationalen Kompetenzen“ (vgl. Wordelmann et al., 2010). Für die Berufsbildungspolitik, das Berufsbildungssystem und vor allem auch für die drei Lernorte der beruflichen Grundbildung stellt sich daher die Frage, wie die internationalen Kompetenzen der künftigen Fachleute gefördert werden können.

Internationale Kompetenzen

Bevor die Frage nach der Förderung der internationalen Kompetenzen beantwortet wird, müssen die verschiedenen Dimensionen der „internationalen Kompetenzen“ verstanden werden. Gemäss Borch et al. (2003) können drei Dimensionen unterschieden werden:

  1. Die internationalen Fachkompetenzen setzen erstens hervorragende berufliche Fachkenntnisse voraus, und werden zweitens durch internationale berufliche Kenntnisse wie beispielsweise das Wissen um internationale Normen und Vorschriften ergänzt. Zu den internationalen Fachkompetenzen gehören jedoch auch die Kenntnisse der verschiedenen Sozial- und Wirtschaftssysteme, der Verkehrsverbindungen und Infrastrukturen und des internationalen Zahlungsverkehrs. Schliesslich zählt auch die Kompetenz, das Internet mit dem Zugang zu weltweiten Ressourcen als Vertriebskanal oder als Lernort zu nutzen, zu den internationalen Fachkompetenzen.
  2. Die Fremdsprachenkenntnisse, insbesondere die Englischkenntnisse, sind für das berufliche Handeln im internationalen Kontext unumgänglich. Das heisst, Anleitungen, Beschreibungen und Fachtexte müssen verstanden und allenfalls verfasst werden können. In der Fremdsprache sollten auch Fachgespräche und Alltagsverhandlungen geführt werden können. Schliesslich gehören die Kompetenzen, Kundengespräche zu führen und Beratungen in der Fremdsprache durchzuführen mit dazu.
  3. Die interkulturellen Kompetenzen, die dritte Dimension, setzen eine kulturelle Neugierde voraus. Um als Fachperson in einem internationalen oder kulturell unterschiedlichen Umfeld „klar zu kommen“, sind Kenntnisse politischer, gesellschaftlicher und kultureller Begebenheiten notwendig, muss der Umgang mit Personen anderer Kulturkreise, Asylsuchenden oder Flüchtlingen ebenso gelernt sein, wie das Arbeiten in internationalen Teams. Dabei sind Offenheit gegenüber andern sowie die Kenntnisse unterschiedlicher Kulturen, Religionen und Gepflogenheiten notwendig.

Berufsfachschullehrpersonen sind Schlüsselakteure

Amme und Dietrich (2010) bezeichnen das Bildungspersonal als Schlüsselakteure in der Internationalisierung der Berufsbildung. Lehrpersonen sowohl des berufskundlichen (BkU) wie auch des allgemeinbildenden Unterrichts (ABU) können einen wichtigen Beitrag zur Förderung der internationalen Kompetenzen der Lernenden leisten, und zwar in allen drei Dimensionen der internationalen Kompetenzen.

Allem voran geht die Förderung der Fremdsprachenkenntnisse, die beispielsweise mit bilingualem Unterricht erfolgen kann. Die Lehrpersonen sollten in der Lage sein, Lernarrangements zu gestalten, welche die unterschiedlichen sprachlichen Voraussetzungen der Lernenden in Englisch berücksichtigen. Die Berufsfachschullehrpersonen können im bilingualen Unterricht zudem die internationale Fachkompetenz der Lernenden durch gezielte sprachliche Arbeit unterstützen.

Die heterogene Zusammensetzung der Lernenden an den Berufsfachschulen kann von den Berufsfachschullehrpersonen als Ressource auch für die Förderung der interkulturellen Kompetenzen genutzt werden. Die kulturelle Vielfalt, die es in den meisten Berufsfachschulkassen gibt, dient als Anknüpfungspunkt der Entwicklung von Interkulturalität im Fachbereich. Basierend auf bekannten pädagogischen und didaktischen Konzepten können Lehrpersonen in ihrem fachlichen Kontext kulturelle Stereotypen dekonstruieren und Interaktion zwischen Kulturkreisen beispielsweise über Rollenspiele oder interkulturelle Projektspiele im Internet mit internationaler Beteiligung fördern.

Schliesslich können Berufsfachschullehrpersonen im Fachunterricht immer auch den Bezug zu internationalen Normen oder zu den nationalen Normen der verschiedenen Herkunftsländer der Jugendlichen herstellen. Sie können von eigenen Auslandeinsätzen und dem Einfluss der unterschiedlichen Rahmenbedingungen auf das berufliche Handeln berichten. Schliesslich ist es an den Berufsbildungsverantwortlichen die Jugendlichen zu motivieren, die vorhandenen Mobilitätsangebote zu nutzen, um ihre Employability im In- und Ausland zu erhöhen.

Die Förderung der internationalen Kompetenzen der Lernenden der beruflichen Grundbildung erhöht nicht nur ihre Employability, sie dient auch der Integration von Jugendlichen mit Migrationshintergrund, Asylsuchenden und Flüchtlingen.

Prof. Dr. Jürg H. Arpagaus, Prorektor, PH Luzern

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