Panoptikum 2014 in Nürnberg

Panoptikum Nürnberg

Foyer im Theater Salz&Pfeffer:
Vor der Vorstellung

(von Pia Anderhub) Vom 4. bis 9. Februar fand in Nürnberg das alle zwei Jahre stattfindende internationale Kindertheaterfestival «Panoptikum» statt.  Auf dem Programm standen 47 Vorstellungen. Zu sehen waren 22 Inszenierungen von Theatergruppen aus Frankreich, Dänemark, Holland, Belgien, Italien, Schottland, Spanien, Schweiz und den Städten Nürnberg, Augsburg, Regensburg und Ingoldstadt. Spielorte waren das Festivalzentrum Kachelbau, die Tafelhalle, das Künstlerhaus, das Theater Pfütze, Salz+Pfeffer und Rootslöffel sowie ein Container auf einem Aldi-Parkplatz.

Im Publikum sassen (natürlich) Kinder, aber auch viele Theaterfachleute aus der ganzen Welt (Korea, Indien, Kanada, Russland…) und Theaterwissenschafts-Studierende der Unis Erlangen und München.

Für die diesjährige Ausgabe verzichteten die Veranstalter beim Programmieren ganz bewusst auf inhaltliche oder formale Schwerpunkte. Sie wollten die ganze Vielfalt zeigen, die derzeit im Kinder- und Jugendtheater zu erleben ist. Die Bandbreite der Stücke reichte vom klassischen Schauspiel über Tanz-, Musik-, Objekttheater bis zur theatralen Installation und zum filmischen Konzert.

Am Donnerstagmorgen, 6. Februar, in der Früh fuhr ich mit dem Zug nach Nürnberg. Kurz nach meiner Ankunft am Mittag sass ich schon in der ersten Vorstellung. Bis Sonntagmittag, 9. Februar, bekam ich dann 13 Stücke zu sehen: Grandiose theatralische Feuerwerke bis sehr enttäuschende Inszenierungen!
Im Anschluss an die Vorstellungen nahm ich wenn möglich an den Diskussionsrunden der Theaterwissenschafts-Studierenden teil. Diese Nachgespräche, gut geleitet von Dr. Manfred Jahnke (Regisseur, Autor, Gastdozent an der LMU München und der Hochschule für Musik und Darstellenden Kunst Stuttgart) waren total spannend. Stücke, die begeisterten und andere, die polarisierten, wurden angeregt diskutiert und unter allen Blickwinkeln besprochen. Faszinierend wie differenziert die Studierenden argumentierten. Für mich eines der Highlights!

Neben grossen Enttäuschungen, z. B. «Ode an das Leben» der italienischen Compagnia Rodiso oder «Carabas» , ein Erzählkonzert vom Nürnberger Theater Salz&Pfeffer, nahm ich im Gepäck Erinnerungen an wunderbare Theatererlebnisse mit nach Hause.

zum Beispiel:

Die Teatret Gruppe 38 aus Dänemark präsentierte die theatrale Installation «Hans Christian, Du musst ein Engel sein».
Wir Zuschauer/innen betraten den Raum, wurden von zwei Kellnern an einen langen, festlich gedeckten Tisch geleitet und verwandelten uns so in die Besucher/innen eines magischen Festes, bei dem Figuren aus den Märchen von Hans Christian Andersen zum Leben erwachten.
Eine magische und augenzwinkernde Show begann: Messer und Gabeln salutierten, Gläser füllten sich wie von Geisterhand, Uhren tickten und Schritte waren zu hören, Schnee fiel und plötzlich erschienen die bekannten Märchenfiguren vor uns.
Federleicht und mit großem Respekt vor dem Autor entführte mich diese Theaterinstallation mit Puppen und Maschinerien in eine wunderliche Welt.

oder

Die Nadine Animato Dance Company aus Israel überraschte mit der Tanzperformance «INVISI’BALL»
Das Stück zeigt, wie man Theater und Fussball verbinden und die einzigartige Atmosphäre eines Fußballspiels tänzerisch einfangen kann. Das Besondere daran: zehn Tänzerinnen verkörpern zehn Fußballer – auf dem Spielfeld und in der Kabine während der Halbzeitpause.
Eine energiegeladene Kickerparodie, die mich manchmal fast vergessen liess, dass ich nicht mittendrin im Fussballstadion, sondern ‚nur‘ im Theater sass. Eine temporeiche, witzige Genderparodie!

oder

Das Theater Winterthur&Theater für ein wachsendes Publikum (CH) / JES – Junges Ensemble Stuttgart (D) überzeugte mit ihrem Stück «Johannes und Margarethe».

Wir Zuschauer/innen werden von den beiden in die Jahre gekommenen Geschwister, einst Hänsel und Gretel, in ihr Haus (auf der Bühne aufgebaut) eingeladen. Drinnen sieht man seltsame Dinge. Ab und zu streicht ein Windstoß durch den Raum. Wie damals im tiefen, dunklen Wald. Alles ist spannend hier: Die Musik, der Geruch, die Einmachgläser. Und natürlich die Kiste mit dem Gold und den Edelsteinen. Alles noch von der Hexe.
Wir sitzen eng beieinander und erfahren von den beiden, wie es wirklich war damals: Hänsel und Gretel reloaded.
Das Stück über Angst, Verlassenwerden und Zusammenhalten hat mich berührt. Fasziniert war ich von dem präzisen und intensiven Spiel von Peter Rinderknecht (ein Urgestein der Schweizer Kinder-und Jugendtheaterszene) und dessen Stuttgarter Schauspielkollegin Sabine Zeiginger.

oder

die beiden Produktionen für die Generation 3+:

«Paperbelle» der Gruppe Frozen Charlotte aus Edinburgh entführt die Zuschauer/innen in eine magische Papierwelt aus Schwarz und Weiß, die langsam Farbe annimmt. Das Stück setzt sich spielerisch mit Farbe auseinander und führt gleichzeitig auf bezaubernde Weise ein jüngeres Publikum an das Theater und die Kunst heran.

Ein Juwel war auch das Objekttheater «Von Hand gemacht» der Gruppe EL PATIO aus Spanien: eine zarte Geschichte einer kleinen Tontasse, die vor unseren Augen auf einer Töpferscheibe entsteht. Zwei Spieler und vier Hände entführen uns in die Welt dieses kleinen Wesens, das einen großen Wunsch hegt: den Wunsch aus dem Glaskasten eines Schaufensters hinaus in die große Welt zu gehen. Gemeinsam mit den anderen ins Leben zu treten. Und was tut man nicht alles, um dazu zu gehören? Eine große Sehnsucht ist spürbar.

Aus Nürnberg nahm  ich viele Geschichten mit und die Überzeugung, dass das professionelle Kinder-und Jugendtheater nicht nur Kinder fasziniert, sondern auch Erwachsene berühren und begeistern kann.
Kinder-und Jugendtheater: Theater für alle!

Und übrigens: Im Vergleich mit den gezeigten Stücken der internationalen Kinder- und Jugendtheatergruppen kann sich die Schweizer Szene durchaus sehen lassen!

 

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