Die Geschichte vom Onkelchen

Theaterproduktion von La Grenouille, Biel

Besuch einer Schulvorstellung am 26. Januar 23 im Tojo Theater der Reitschule Bern

von Kathrin Brülhart Corbat

Wir kommen rein, ich und ca 100 Erst- und Zweitklässler*innen hören schon beim Reinkommen Streichertöne, das Cello wird gestimmt, zwei Geigen und eine Bratsche. Die Musikerinnen stimmen sich ein und wir sind live dabei. «Schön!», staunt ein Junge neben mir. «Hat es schon angefangen?» fragt er, « ich glaube schon», meint seine Nachbarin.

Der kleine Onkel lebt in seinem Haus ganz alleine am Waldrand. Er liebt Kaffee und möchte gerne einen Freund. Nachts weint er, weil er so einsam ist. Eines Tages schreibt er kleine Zettel mit der Nachricht «Einsamer Onkel sucht einen Freund», diese klebt er überall an die Bäume. Danach setzt er sich auf die Treppe vor seinem Haus und wartet…

Das ist der Anfang dieser wundervollen Geschichte nach dem Bilderbuch von Barbro Lindgren. Wir sehen ein Musiktheater fast ohne Worte über Einsamkeit und Freundschaft. Das Streichquartett «erzählt» mit. Die Musikerinnen bewegen sich mit ihren Instrumenten, sind mal mitten auf der Bühne oder neben dem Haus vom kleinen Onkel oder weit weg auf ihren vier Stühlen an jeder Ecke des Bühnenraumes.

Zurück zur Geschichte: der kleine Onkel wartet zehn Tage und zehn Nächte. Als er die Warterei schon fast aufgibt, taucht endlich jemand auf – ein Hund. Die beiden mögen sich von der ersten Minute an. Endlich hat der kleine Onkel einen Freund, den er sogar in seinem Bett übernachten lässt und mit Kaffee verwöhnen kann.

Die Zeit vergeht, es wird Sommer, mit wunderbaren musikalischen Insektenflügen, dann kommt der Herbst mit einem genialen Geigensturm. Als es Winter wird, erleben wir, was es heisst, wenn man seinen allerbesten Freund teilen muss.

Liebe, Zuneigung und Wärme sind in diesem Stück für alle fass- und erlebbar. Fein und schlicht erfahren wir viel über sich gernhaben, traurig und überglücklich sein.

Die Theaterfassung von Thomas Brömmsen und Lars-Erik Brossner stand bereits vor 25 Jahren auf dem Spielplan von La Grenouille. Wunderbar, dass sie erneut aufgenommen und von Charlotte Huldi neu inszeniert wurde. Für alle ab 5 Jahren.

Was macht ds Wätter

Ein Objekttheater für alle ab 3 Jahren von Engel&Magorrian, Bern

Besuch einer Schulvorstellung am 5. Dezember im Schlachthaus Theater Bern

von Kathrin Brülhart Corbat

Nur ungern trennt sich der Wetterwart von seiner Decke, lieber möchte er noch etwas länger Nacht haben. Aber das geht nicht, die Nacht ist nun vorbei, sie muss gehen, vorsichtig wird sie in ein Kästchen gelegt, aber auch die Nacht wäre gerne noch etwas wach, sie möchte noch nicht gehen… das Kästchen springt immer wieder auf, mit einem Gutenachtkuss funktionierts – endlich, weil die Sonne wartet schon.

Es gibt viel zu tun an so einem Morgen: Da muss als erstes der Mond abgehängt werden und natürlich wird Radio gehört, schliesslich muss man ja rausfinden, was das Wetter heute macht: Am Vormittag Sonne, blauer Himmel und am Nachmittag etwas Wolken und Regen.

Zuerst wird die Sonne aufgepumpt, zu Beginn will sie noch nicht an den Himmel, sie möchte lieber noch etwas herumgumpen, vorwärts und rückwärts, recht wild ist sie. Der Wetterwart erklärt uns, das sei normal, dass sie so wild tut – ja, weil nachher muss sie ja ganz ruhig über den Himmel gleiten, da darf sie sich nun schon noch etwas austoben. Finden wir auch.

Und wo ist eigentlich der Regen? Den brauchts am Nachmittag auch. Aber zuerst noch der blaue Himmel, ein wunderschöner, etwas selbstverliebter Himmel kommt zum Vorschein, er singt für’s Leben gerne und möchte eigentlich mehr im Vordergrund sein… aber das geht nicht, der Himmel muss in den Hintergrund.

Später erfahren wir, dass der Schnee krank ist, er hat Fieber und befindet sich im Kühlschrank und eben der Regen, wo steckt er bloss, will er wieder Versteckis spielen? Nein bitte jetzt nicht! Wir haben keine Zeit. Bald schon muss es regnen. Aber ojeee dem Regen geht es nicht gut, er ist traurig, immer gehen alle nach Hause, wenn er kommt… Zum Glück kann der Wetterwart so gut trösten und es kommt alles gut am Schluss, auch mit dem Regen.

Wunderbar verspielt und fröhlich thematisiert «Was macht ds Wätter»

die Herausforderung, wenn etwas zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein muss. Der Wetterwart kümmert sich um die Wetter-Elemente mit viel Geduld. Selbst wenn sie seine Nerven strapazieren, verliert er nie den Humor.

Ausgangslage für das Stück bildet die Situation, die Begleitpersonen von jüngeren Kindern nur zu gut kennen: Die Herausforderung, sich für den Tag bereit zu machen. Pünktlich und in der richtigen, dem Wetter und der Jahreszeit angepassten Kleidung am richtigen Ort zu sein, währenddem die Kleinen und ihre Bedürfnisse immer wieder die Kontrolle übernehmen und nicht alles wie geplant abläuft….

Ein Objekttheater mit viel Musik, das starke Bilder schafft und auch die Allerkleinsten die Theater-Magie erleben lässt.

Toto, Laura & die Stadtmusikant*innen

Theaterproduktion von Kolypan, Zürich

Besuch einer Schulvorstellung am 7. November 22 anlässlich des Theaterfunkens in der Kleinen Bühne Zofingen von Kathrin Brülhart Corbat

Ob wir auch ein Instrument spielen und welches, werden wir zu Beginn von Toto gefragt. Erstaunlich viele Kinder spielen ein Instrument, fast alle. Toto, der Strassenmusiker freut sich: «Wow, das ist super und falls jemand kein Instrument spielt, das da ist einfach und günstig…» Toto spielt nun wie ein Verrückter auf der Ukulele. «Cool!», lacht ein Junge neben mir, «ich spiele Handorgel.»

Schon bald sind wir mitten in einem Toto- Live- Konzert, bis der Strecker gezogen wird – von Laura. Laura braucht unbedingt Strom und ein Bett. Laura ist obdachlos und ihr Handy-Akku ist leer. Wir erfahren, dass sie nach dem Tod ihrer Grossmutter den Boden unter den Füssen verloren hat und nun auf der Strasse lebt.

Nun möchte Laura mit ihrem übergrossen Migroswagen, an dem zig Plastiktaschen hängen, wieder gehen; aber Toto und die Kinder halten sie auf. Sie solle bleiben, unbedingt! «Mach mit, getrau Dich!» Und schon bald beginnt Laura den spanischen Hunde-Song von Toto zu übersetzen und noch einen Tuck später, getraut sie sich sogar zu singen, und wie sie singt… wunderschön.

Die beiden sind ein richtiges Strassenmusikanten-Dream-Team. Da wird als Katze getanzt und als Hahn gekämpft und je länger das Konzert dauert, je mehr wird eine bekannte Geschichte reingesponnen: die Bremerstadtmusikanten.
In «Toto, Laura & die Stadtmusikant*innen» wird das Märchen neu erzählt und dazu erfunden, den jeweilige Situationen von Toto und Laura’s Tour angepasst.  

Wunderbar schräg und witzig. Gemeinsam ziehen die beiden mit Esel, Katze, Hahn und Hund weiter und man wünscht sich, dass sie für immer zusammenbleiben.

Ein starkes Stück über Freundschaft und Mut, mit viel Musik für alle ab 8 Jahren.

Abentür

Theaterproduktion von Theater Tägg en Amsle, Zürich

Nach dem Bilderbuch von Helme Heine

Besuch einer Schulvorstellung am 25. Oktober 22 in der Primarschule Erlenbach BE

von Kathrin Brülhart Corbat

Im Minutentakt treffen sie ein: mehrere Schulbusse aus verschiedenen Schulgemeinden aus dem Simmental landen auf dem Parkplatz der Primarschule in Erlenbach. «Wir haben gerade Flugzeug gespielt» ruft mir ein Kind zu und schon strömen sie erwartungsvoll Richtung Aula. 115 Kinder sind bereit: Das Abentür kann starten.

Als erstes lernen wir die drei Freunde Johnny Mauser, Franz von Hahn und das Schwein Waldemar kennen. Jeweils in ‘Grossformat’ als Schauspieler*in und in ‘Miniformat’ als Klebebandfigur. «Die kenne ich schon» raunt ein Erstklässler neben mir, «das sind die gleichen wie im Bilderbuch». Genau, es ist ein Theater nach dem Bestseller von Heine Helme. Nach dem erfolgreichen Theaterstück «Freunde» ist «Abentür»  bereits der zweite Streich vom Theater Tägg en Amsle. In beiden Stücken führte Paul Steinmann Regie.

Die drei Freunde leben auf dem Bauernhof, eigentlich ein schöner Ort, mit vielen Kühen, Fliegen, einem Hund und einigen Ameisen und doch ist es manchmal etwas langweilig, der Alltagstrott halt. Immer dieses Gegacker und die Eierleggerei der Hühner, diese blöden Mausefallen und überhaupt… es ertönt ein wunderschöner Langwiili Blues und bald ist es Zeit für eine Velofahrt in die weite Welt hinaus.

Die Welt der Abenteuer ruft und diese folgen Schlag auf Schlag: da muss eine Gans vor dem Fuchs gerettet werden, das kleine Kalb Hugo seine Mutter wieder finden, Wind und Wetter getrotzt und eine Schatzkiste am Roten Meer entdeckt werden und… und… und.

Manchmal wird es richtig brenzlig, zum Beispiel beim hungrigen Koch mit dem spitzen Metzgermesser, aber alles kommt gut. «Glück gehabt!», meint ein Mädchen neben mir. Als die drei Freunde auf dem Rücken eines Elefanten wieder nach Hause getragen werden, sind wir fast etwas erleichtert, dass nicht noch ein weiteres Abenteuer auf die Freunde wartet.

Ein Theaterstück über die Neugier auf das Unbekannte und die Kraft der Freundschaft. Mit viel Musik und Überraschungen, für alle ab 5 Jahren.

Expedition Tierreich

Hausproduktion Vorstadttheater Basel

Premierenbesuch am 21. Oktober 22 im Vorstadttheater Basel, von Kathrin Brülhart Corbat

Ein riesiger Kleiderhaufen liegt auf der Bühne, gespannt wartet das Premierenpublikum, bis es losgeht. In der Reihe vor mir sitzt eine vierte Klasse, welche beim Erarbeiten des Stückes beteiligt war.

Endlich bewegt sich was, das kauzige Forscherteam, bestehend aus Herr Dröse und Frau Rupp, schält sich aus dem Kleiderberg. Als erstes werden wir bestaunt, «das ist eindeutig eine Herde vom Typ Homo Sapiens», meint Frau Rupp und die Expedition ins Tierreich beginnt. In den nächsten 70 Minuten werden wir Teil von ihren Abenteuern. In einem grossartigen Verwandlungsspiel, mit wunderschöner Musik, vielfältigen Klängen, und verstärkten Livestimmen werden wir ins Reich der Tiere geführt und staunen mit Herr Dröse und Frau Rupp um die Wette.

Was es da nicht alles gibt: Schwangere Seepferdchen und emsige Bienen, sich begattende Frösche und vorbeigaloppierende Pferde. Wir erleben eine Geburt von zwei kleinen Pandabären und sind dabei, als eines von ihnen stirbt (das ist bei Pandabären immer so). Weiter erfahren wir, dass sich Haifischbabys im Mutterbauch bekämpfen (die haben da bereits kleine spitze Zähne) und wir sind dabei, als das Yak mit seinen Hörnern die Sterne vom Himmel pflückt.

Als Herr Dröse und Frau Rupp sich in der Tiefsee- Tauchkapsel anschnallen, raunts eine Sitzreihe vor mir: «Jetzt, jetzt kommts!», die Kinder aus der vierten Klasse wissen natürlich, was uns nun erwartet: Wir tauchen auf eine Tiefe von 10’000 Meter und sehen zuerst mal nur – schwarz… und dann… unglaublich gespenstische Wunderwesen. Alles weitere darf an dieser Stelle nicht verraten werden.

Alle Tiere werden aus dem Kleiderhaufen «geboren», sozusagen hervorgezaubert. Aus dem rosaroten Baby Body wird ein kleiner Panda, aus einer gestreiften Socke ein lustiger Fisch. Spannend auch, immer wieder wird der riesige Kleiderhaufen für mich zum Müllhaufen; «unser Müll», als eine grosse Herausforderung für alle Lebewesen, egal ob Mensch oder Tier. Ohne moralisch zu sein, ist die Botschaft klar: Unser Planet ist eine Perle, mit tausenden von Schätzen, die es zu schützen gilt.

Ein Theater für alle Naturliebhaber*innen ab acht Jahren.

Zwei Faultiere retten die Welt

Theaterproduktion von Triplette, Luzern

Besuch einer Schulvorstellung am 12. September 22 im Kleintheater Luzern

von Kathrin Brülhart Corbat

Im neuen Stück von Triplette möchten zwei Faultiere und eine Eule die Welt retten. Sie leben im Regenwald, umgeben von Ameisen, Fröschen, Mäusen und Schmetterlingen, es zirpt und piiipst die ganze Zeit (live «hergestellt» von Dominic Röthlisberger). Hier lässt es sich gäbig schlafen und träumen, ein wunderbares Faultierleben eben.

Eines Tages bekommen die beiden Faultiere Post. Da sie nicht lesen können, wenden sie sich ans Publikum. Eifrig werden die Briefe aus aller Welt vorgelesen. Fazit: Es ist fünf vor 12 – wir müssen die Erde retten! Aber wie? Hmmm… wie? Am Besten nochmals etwas schlafen….

Als dann aber der Urwald verstummt und die Motorsägen immer lauter werden, wird gehandelt. Wir müssen die Erde retten! Aber wie? ….Zum Beispiel weniger Plastik brauchen, am Geburtstag weniger Geschenke wünschen, das eigene Gemüse anpflanzen und vor allem STOP sagen, laut und deutlich. Wie die Geschichte ausgeht, wird hier natürlich nicht verraten.

In diesem Stück befasst sich Triplette mit der heutigen Konsum-und Wegwerfgesellschaft: Wenn wir so weitermachen wie bisher, dann gibt es unsere Welt vielleicht bald nicht mehr. Aber wem gehört die Welt? Und wieviel von ihr dürfen wir nehmen? Was haben Faultiere damit zu tun?

Mit diesen und ähnlichen Fragen wandte sich die Truppe an Kinder. Mittels Spielen, philosophischen Workshops und Interviews haben sie gemeinsam mit den Kindern über die Welt der Menschen und über die Welt der Faultiere nachgedacht. Das daraus entstandene Material bildet die Basis für «Zwei Faultiere retten die Welt» und fliesst gekonnt in Form von Tonspuren und Briefen ins Theaterstück ein.

Ein wichtiges, brennendes Thema für Menschen ab 8 Jahren.

Was das Nashorn sah, als es auf die andere Seite des Zauns schaute

Theaterproduktion von La Grenouille, Biel

Besuch einer Schulvorstellung am 19. Mai 22 im Tojo Theater der Reitschule Bern

von Kathrin Brülhart Corbat

Am letzten Donnerstag besuchte ich eine sehr eindrückliche Inszenierung, die mich noch heute, vier Tage danach, mit starken Bildern zurücklässt: Der zitternde «Gestreifte», der den Bären füttern muss. Der Bär im Regen, schutzsuchend in seiner Höhle; das Murmeltiermädchen, das ihm die Höhle einrichtet. Der gescheitelte Junge auf der Seite der schönen Häuser, mit seinem übergrossen Gewehr. Der Junge auf der anderen Seite des Zauns, mit dem Loch im Kopf….

Aber besser der Reihe nach. Wir befinden uns in einem Zoo, einem Schwarzweissfotozoo. Hier wohnen Mama und Papa Pavian, Herr und Frau Mufflon, schwarze Schwäne, Enten und ein Murmeltiermädchen. Eines Morgens liegt das Nashorn steif und starr, mit traurigen Augen auf dem Boden. An was ist es wohl gestorben? An Heimweh? Am Wetter? Oder hat es etwa über den Zaun geschaut? Das beschäftigt die Tiere eine Zeit lang, aber schon nach einem ausgiebigen Winterschlaf ist das tote Nashorn vergessen. Es wird «ersetzt» durch einen jungen russischen Bären.

Dieser Neuling möchte vieles wissen und stellt unbequeme Fragen, er getraut sich sogar auf die andere Seite des Zauns zu schauen: Was sind das für spindeldürre Zebrawesen auf der anderen Seite? Warum stinkt es hier so komisch? Und warum gibt es keine Vögel? Die Fragerei passt Papa Pavian und den anderen Zoobewohnern überhaupt nicht, der Bär solle sich da raushalten, sonst bringe er sich und die anderen in Gefahr. Doch das tut er nicht, der mutige Bär fasst einen folgeschweren Plan…

Es hat ihn tatsächlich gegeben, einen Zoo neben dem Konzentrationslager Buchenwald, zum Amüsement der Bevölkerung und der Familien der Aufseher. Jens Raschke hat aus dieser Tatsache einen der bedeutendsten, mehrfach preisgekrönten Theatertext für junges Publikum geschrieben. Das Theater La Grenouille inszeniert diesen mit den Mitteln des Erzähltheaters und vielen Figurenwechseln. Auf feinfühlige Art werden wir durch die Geschichte geführt, im Kopfkino eines jeden geht genau das ab, was man «verträgt». Das Wort Konzentrationslager fällt im ganzen Stück nie. Genauso wenig wie die Nazis, beim Namen genannt werden.

Ein eindrückliches Theaterstück über kollektives Wegsehen und ein starkes Plädoyer für Zivilcourage für alle ab 9 Jahren.

«Es ist die Frage, ob Kinder über dieses erschütternde Kapitel des Menschseins informiert werden sollten, ob sie etwas davon wissen sollten. Für uns ist dies klar: Ja, denn den Kindern wird die Welt, so wie sie heute ist, sowieso zugemutet, und dies meist ungefiltert über die Medien. Umso wichtiger ist es, mit Theater und seinen Geschichten Momente zu haben, wo Erlebtes und menschliches Verhalten reflektiert und geschärft werden kann. Und damals wie heute sind es ja auch immer wieder Kinder, die Opfer von Unmenschlichkeit werden, oder zu Mitläufern oder Tätern erzogen werden. Letztlich stellt sich die Frage, was wir Kindern zumuten wollen, das Totschweigen einer schlimmen Wirklichkeit oder die Aufklärung darüber.»
Jens Raschke über sein Stück.

Bruno schneit

Eine Geschichte aus dem Kleiderschrank von Jörg Bohn und Paul Steinmann

Premierenbesuch am 26. Februar 22 im Kino Odeon Brugg von Kathrin Brülhart Corbat

Am letzten Samstag war ich endlich wieder mal an einer Premiere, Jörg Bohn spielte seine sechste «Bruno-Geschichte» mit dem Titel «Bruno schneit». Nach «Bruno Hasenkind» und «Bruno und das Hasenvelo» ist dies die dritte Geschichte, in der das Hasenkind Fritz vorkommt.

Dass Fritz bei Bruno wohnt, erfahren wir schon früh im Stück und diesmal kommt Fritz mit Gepolter von der Schule heim und Bruno findet ihn hässig in seinem Bett. Fritz muss als Hausaufgabe ein Erlebnis über ein Winter-Abenteuer schreiben, aber Fritz hat noch nie Schnee gesehen und braucht unbedingt Brunos Hilfe. Wie soll man bitteschön über Schneeflocken schreiben oder welche zeichnen, wenn man noch nie einen Schee-Winter erlebt hat? Was ist überhaupt Schnee? Sowas wie Puderzucker auf Omeletten oder… Bruno ist gefordert, zum Glück hat er selber schon viele Schnee Abenteuer erlebt, im Nu wird Brunos Schrank umgebaut und es entsteht eine wunderschöne Bettdecken-Schneelandschaft. Bruno zeigt Fritz wie man Schee-Engel machen kann (übrigens darf man sich nach einem gelungenen Schee-Engel immer etwas wünschen; Hase Fritz macht deshalb gleich zwei… Und was hat er sich gewünscht? Das wird natürlich nicht verraten)

Weiter geht’s mit Versteckis im Schnee und einer mutigen Schlittenfahrt und wir lernen eine Scheemannfrauen-Familie kennen. Es beginnt zu schneien und wird auch richtig kalt.

Brunos Schrank-Requisit ist vielseitig auszieh- und nutzbar, immer wieder sind wir am Staunen, Bruno der Geschichtenerzähler ist auch etwas ein Zauberer: wie hat er das denn jetzt gemacht, dass sich der Hase hinten im Kissen verstecken konnte?

Als Fritz am Abend in seinem Bett liegt, sind wir alle glücklich, dass wir wieder mal einen richtig schneereichen Wintertag erlebt haben.

Eine weitere Bruno – Geschichte für alle ab vier Jahren mit vielen Winterüberraschungen und herzerwärmenden Details.

YARK

Mangisch Produktion, Brig

Besucht von Kathrin Brülhart Corbat am 19. Februar 22 im FigurenTheater St.Gallen,

im Rahmen des Theaterfestivals jungspund  

Der Morgen in der «Lokremise», dem Festivalzentrum von jungspund war sehr abwechslungsreich: zehn Schweizer Gruppen und Einzelkünstler*innen hatten die Gelegenheit, mit einem Kurzauftritt von 10 Minuten ihre neuesten Produktionen zu präsentieren. Toll, was da alles am Entstehen ist, oder bereits geboren wurde – ein Hoch auf das professionelle Theaterschaffen für ein junges Publikum!

Nach diesen 10 Einblicken freue ich mich, ein Stück in voller Länge zu sehen. Mein Ziel ist das FigurenTheater St.Gallen, «Yark» gespielt von Daniel Magisch steht auf dem Programm. Ich spaziere durch die Altstadt und finde schon bald das kleine Theaterhaus. Hier war ich noch nie… ein richtiges Juwel mit roten Stühlen, die die kleineren Zuschauer*innen selbständig «einstellen» können. «Stört es sie, wenn ich den Stuhl ganz in die Höhe schraube?» werde ich von einem Jungen gefragt, der vor mir in der vordersten (!) Reihe sitzt. Natürlich nicht – gespannt warten wir, bis es los geht. Da bewegt sich schon das Monster unter dem weissen Tuch: Yark ist da – poh, was für eine gruselige Stimmung macht sich breit, Yark hat Hunger, er frisst am liebsten Kinder, aber nur ganz brave, von den unartigen wird ihm schlecht, er hat einen sehr heiklen Magen. Gibt es hier vielleicht nette, hilfsbereite Kinder im Raum? Vor mir wird der Stuhl wieder runtergefahren….

Zugegeben, zu Beginn ist das Stück eine echte Herausforderung für viele und nicht’s für Angsthasen, zum Glück erscheint immer wieder Daniel als Schauspieler, da gibt es kleine Verschnaufpausen und man muss nicht mehr um sein Leben fürchten.

Auf der Suche nach feinem Essen fliegt Yark in den hohen Norden zum Samichlaus,

dem er die Liste mit den allerliebsten Kindern der Welt abluchst. Diese Liste mit den Top Ten der Allerbravsten wird nun abgearbeitet. Doch diese Kinder sind viel zu schlau, als dass Yark ihnen etwas antun kann. Es folgen schlimme Wörter und eine grobe Magenverstimmung. Zum Glück wird Yark von Madeleine gefunden, die ihn mit Alpenkräutern wieder fit macht. Eine Freundschaft beginnt. Wie wunderbar, Madeleine fürchtet sich überhaupt nicht vor Yark, warum auch? Noch nie hatte Yark eine Freundin, sogar eine, die ihm das Fell kämmt.

Wäre da nur nicht dieser riesengrosse Hunger, aber Yark will doch nicht seine neue Freundin fressen, ojeminee… wie das wohl ausgeht?

Hier soll nicht zu viel verraten werden, nur so viel: es kommt gut und am Schluss kann man auch ganz getrost den Theaterraum wieder verlassen, im Wissen, dass einen der Yark nicht fressen kommt, auch wenn man nett ist. Im Gegenteil, er wird einem sogar helfen kommen, falls man mal ganz schlecht träumt.

Daniel Mangisch will spassvoll gruseln und zeigen, dass manche Dinge nur in unseren Köpfen leben. Sein packendes Erzähl- und Objekttheater lässt die Monsterwelt auferstehen und haucht Puppen und Objekten Leben ein.


Ein tolles Stück für alle ab 7 Jahren, die es lieben, mal wieder etwas Hühnerhaut zu bekommen.

Ich heisse Name

Theater Jungfrau und Co. / Theater Blau, in Koproduktion mit Schlachthaus Theater Bern

Besuch einer Schulvorstellung am 31. Januar 22 im Treffpunkt Wittigkofen, Bern von Kathrin Brülhart Corbat

Warum hat es hier nur so wenig Kinder? Leider darf heute wegen den Covidmassnahmen nur eine Klasse ins Theater kommen, wie schade… dann sind wir, die hier sein dürfen, ja richtige Glückspilze! Ein Mädchen aus der Basisstufe Bern Bethlehem erklärt mir, sie hätten mit der Schauspielerin Brigitta und mit dem Schauspieler Julius im Vorfeld eben recherchiert, deshalb dürfen sie jetzt kommen.

Gespannt sitzen wir vor einer leeren Bühne, ausser zwei fahrbaren Leinwänden, ist noch nichts zu sehen. «Wo sind Brigitta und Julius?» – Warts ab !

Musik… zwei Hellraumprojektoren werden auf die Bühne gefahren, geschoben von einer weiss gekleideten Frau (Brigitta Weber) und einem weiss gekleideten Mann (Julius Griesenberg). Zu Beginn spielen sie mit ihren Schattenbildern, das ist lustig, die Kinder kichern, am liebsten möchte man es selbst ausprobieren.

Nun wird auf die Projektionsfläche gezeichnet… ein Kopf, Augen, Arme…. es ist mucksmäuschenstill, alle schauen gespannt zu, wie ein Strichmännchen entsteht oder ist es ein Strichweibchen? «Egal!» «Was egal?» «Wie heisst Du?» – «Ich heisse NAME».

Was isst eigentlich so ein Strichfigürchen? Natürlich Spaghetti Carbonara.

NAME möchte mit seinem Krokodil in der Badewanne spielen und danach die Welt entdecken; sich mit Herrn Sonntag, dem lustigen Hund treffen und auf dem Spielplatz mit den anderen Kindern spielen – sag, geht das überhaupt, wenn man nicht weiss, ob NAME ein Mädchen ist oder ein Junge? Welche Kleider soll NAME tragen? Hosen oder vielleicht einen Rock? Mit was möchte NAME spielen? Mag NAME rosarot oder grün? Holz hacken oder nähen?

Die beiden Erwachsenen begleiten NAME auf seiner Erkundungstour, sie schlüpfen in zig verschiedene Rollen, es wird geschnipselt und gezeichnet, vergrössert und verkleinert, mit Schatten und farbigen Folien gespielt. Immer wieder entstehen neue Welten und neue Fragen: «Wenn ich gross bin, werde ich dann eine Frau oder ein Mann?»

Ein tolles, wichtiges Stück zur eigenen Identität und zur Genderthematik, für alle ab 5 Jahren.