Zwei Faultiere retten die Welt

Theaterproduktion von Triplette, Luzern

Besuch einer Schulvorstellung am 12. September 22 im Kleintheater Luzern

von Kathrin Brülhart Corbat

Im neuen Stück von Triplette möchten zwei Faultiere und eine Eule die Welt retten. Sie leben im Regenwald, umgeben von Ameisen, Fröschen, Mäusen und Schmetterlingen, es zirpt und piiipst die ganze Zeit (live «hergestellt» von Dominic Röthlisberger). Hier lässt es sich gäbig schlafen und träumen, ein wunderbares Faultierleben eben.

Eines Tages bekommen die beiden Faultiere Post. Da sie nicht lesen können, wenden sie sich ans Publikum. Eifrig werden die Briefe aus aller Welt vorgelesen. Fazit: Es ist fünf vor 12 – wir müssen die Erde retten! Aber wie? Hmmm… wie? Am Besten nochmals etwas schlafen….

Als dann aber der Urwald verstummt und die Motorsägen immer lauter werden, wird gehandelt. Wir müssen die Erde retten! Aber wie? ….Zum Beispiel weniger Plastik brauchen, am Geburtstag weniger Geschenke wünschen, das eigene Gemüse anpflanzen und vor allem STOP sagen, laut und deutlich. Wie die Geschichte ausgeht, wird hier natürlich nicht verraten.

In diesem Stück befasst sich Triplette mit der heutigen Konsum-und Wegwerfgesellschaft: Wenn wir so weitermachen wie bisher, dann gibt es unsere Welt vielleicht bald nicht mehr. Aber wem gehört die Welt? Und wieviel von ihr dürfen wir nehmen? Was haben Faultiere damit zu tun?

Mit diesen und ähnlichen Fragen wandte sich die Truppe an Kinder. Mittels Spielen, philosophischen Workshops und Interviews haben sie gemeinsam mit den Kindern über die Welt der Menschen und über die Welt der Faultiere nachgedacht. Das daraus entstandene Material bildet die Basis für «Zwei Faultiere retten die Welt» und fliesst gekonnt in Form von Tonspuren und Briefen ins Theaterstück ein.

Ein wichtiges, brennendes Thema für Menschen ab 8 Jahren.

Was das Nashorn sah, als es auf die andere Seite des Zauns schaute

Theaterproduktion von La Grenouille, Biel

Besuch einer Schulvorstellung am 19. Mai 22 im Tojo Theater der Reitschule Bern

von Kathrin Brülhart Corbat

Am letzten Donnerstag besuchte ich eine sehr eindrückliche Inszenierung, die mich noch heute, vier Tage danach, mit starken Bildern zurücklässt: Der zitternde «Gestreifte», der den Bären füttern muss. Der Bär im Regen, schutzsuchend in seiner Höhle; das Murmeltiermädchen, das ihm die Höhle einrichtet. Der gescheitelte Junge auf der Seite der schönen Häuser, mit seinem übergrossen Gewehr. Der Junge auf der anderen Seite des Zauns, mit dem Loch im Kopf….

Aber besser der Reihe nach. Wir befinden uns in einem Zoo, einem Schwarzweissfotozoo. Hier wohnen Mama und Papa Pavian, Herr und Frau Mufflon, schwarze Schwäne, Enten und ein Murmeltiermädchen. Eines Morgens liegt das Nashorn steif und starr, mit traurigen Augen auf dem Boden. An was ist es wohl gestorben? An Heimweh? Am Wetter? Oder hat es etwa über den Zaun geschaut? Das beschäftigt die Tiere eine Zeit lang, aber schon nach einem ausgiebigen Winterschlaf ist das tote Nashorn vergessen. Es wird «ersetzt» durch einen jungen russischen Bären.

Dieser Neuling möchte vieles wissen und stellt unbequeme Fragen, er getraut sich sogar auf die andere Seite des Zauns zu schauen: Was sind das für spindeldürre Zebrawesen auf der anderen Seite? Warum stinkt es hier so komisch? Und warum gibt es keine Vögel? Die Fragerei passt Papa Pavian und den anderen Zoobewohnern überhaupt nicht, der Bär solle sich da raushalten, sonst bringe er sich und die anderen in Gefahr. Doch das tut er nicht, der mutige Bär fasst einen folgeschweren Plan…

Es hat ihn tatsächlich gegeben, einen Zoo neben dem Konzentrationslager Buchenwald, zum Amüsement der Bevölkerung und der Familien der Aufseher. Jens Raschke hat aus dieser Tatsache einen der bedeutendsten, mehrfach preisgekrönten Theatertext für junges Publikum geschrieben. Das Theater La Grenouille inszeniert diesen mit den Mitteln des Erzähltheaters und vielen Figurenwechseln. Auf feinfühlige Art werden wir durch die Geschichte geführt, im Kopfkino eines jeden geht genau das ab, was man «verträgt». Das Wort Konzentrationslager fällt im ganzen Stück nie. Genauso wenig wie die Nazis, beim Namen genannt werden.

Ein eindrückliches Theaterstück über kollektives Wegsehen und ein starkes Plädoyer für Zivilcourage für alle ab 9 Jahren.

«Es ist die Frage, ob Kinder über dieses erschütternde Kapitel des Menschseins informiert werden sollten, ob sie etwas davon wissen sollten. Für uns ist dies klar: Ja, denn den Kindern wird die Welt, so wie sie heute ist, sowieso zugemutet, und dies meist ungefiltert über die Medien. Umso wichtiger ist es, mit Theater und seinen Geschichten Momente zu haben, wo Erlebtes und menschliches Verhalten reflektiert und geschärft werden kann. Und damals wie heute sind es ja auch immer wieder Kinder, die Opfer von Unmenschlichkeit werden, oder zu Mitläufern oder Tätern erzogen werden. Letztlich stellt sich die Frage, was wir Kindern zumuten wollen, das Totschweigen einer schlimmen Wirklichkeit oder die Aufklärung darüber.»
Jens Raschke über sein Stück.

Bruno schneit

Eine Geschichte aus dem Kleiderschrank von Jörg Bohn und Paul Steinmann

Premierenbesuch am 26. Februar 22 im Kino Odeon Brugg von Kathrin Brülhart Corbat

Am letzten Samstag war ich endlich wieder mal an einer Premiere, Jörg Bohn spielte seine sechste «Bruno-Geschichte» mit dem Titel «Bruno schneit». Nach «Bruno Hasenkind» und «Bruno und das Hasenvelo» ist dies die dritte Geschichte, in der das Hasenkind Fritz vorkommt.

Dass Fritz bei Bruno wohnt, erfahren wir schon früh im Stück und diesmal kommt Fritz mit Gepolter von der Schule heim und Bruno findet ihn hässig in seinem Bett. Fritz muss als Hausaufgabe ein Erlebnis über ein Winter-Abenteuer schreiben, aber Fritz hat noch nie Schnee gesehen und braucht unbedingt Brunos Hilfe. Wie soll man bitteschön über Schneeflocken schreiben oder welche zeichnen, wenn man noch nie einen Schee-Winter erlebt hat? Was ist überhaupt Schnee? Sowas wie Puderzucker auf Omeletten oder… Bruno ist gefordert, zum Glück hat er selber schon viele Schnee Abenteuer erlebt, im Nu wird Brunos Schrank umgebaut und es entsteht eine wunderschöne Bettdecken-Schneelandschaft. Bruno zeigt Fritz wie man Schee-Engel machen kann (übrigens darf man sich nach einem gelungenen Schee-Engel immer etwas wünschen; Hase Fritz macht deshalb gleich zwei… Und was hat er sich gewünscht? Das wird natürlich nicht verraten)

Weiter geht’s mit Versteckis im Schnee und einer mutigen Schlittenfahrt und wir lernen eine Scheemannfrauen-Familie kennen. Es beginnt zu schneien und wird auch richtig kalt.

Brunos Schrank-Requisit ist vielseitig auszieh- und nutzbar, immer wieder sind wir am Staunen, Bruno der Geschichtenerzähler ist auch etwas ein Zauberer: wie hat er das denn jetzt gemacht, dass sich der Hase hinten im Kissen verstecken konnte?

Als Fritz am Abend in seinem Bett liegt, sind wir alle glücklich, dass wir wieder mal einen richtig schneereichen Wintertag erlebt haben.

Eine weitere Bruno – Geschichte für alle ab vier Jahren mit vielen Winterüberraschungen und herzerwärmenden Details.

YARK

Mangisch Produktion, Brig

Besucht von Kathrin Brülhart Corbat am 19. Februar 22 im FigurenTheater St.Gallen,

im Rahmen des Theaterfestivals jungspund  

Der Morgen in der «Lokremise», dem Festivalzentrum von jungspund war sehr abwechslungsreich: zehn Schweizer Gruppen und Einzelkünstler*innen hatten die Gelegenheit, mit einem Kurzauftritt von 10 Minuten ihre neuesten Produktionen zu präsentieren. Toll, was da alles am Entstehen ist, oder bereits geboren wurde – ein Hoch auf das professionelle Theaterschaffen für ein junges Publikum!

Nach diesen 10 Einblicken freue ich mich, ein Stück in voller Länge zu sehen. Mein Ziel ist das FigurenTheater St.Gallen, «Yark» gespielt von Daniel Magisch steht auf dem Programm. Ich spaziere durch die Altstadt und finde schon bald das kleine Theaterhaus. Hier war ich noch nie… ein richtiges Juwel mit roten Stühlen, die die kleineren Zuschauer*innen selbständig «einstellen» können. «Stört es sie, wenn ich den Stuhl ganz in die Höhe schraube?» werde ich von einem Jungen gefragt, der vor mir in der vordersten (!) Reihe sitzt. Natürlich nicht – gespannt warten wir, bis es los geht. Da bewegt sich schon das Monster unter dem weissen Tuch: Yark ist da – poh, was für eine gruselige Stimmung macht sich breit, Yark hat Hunger, er frisst am liebsten Kinder, aber nur ganz brave, von den unartigen wird ihm schlecht, er hat einen sehr heiklen Magen. Gibt es hier vielleicht nette, hilfsbereite Kinder im Raum? Vor mir wird der Stuhl wieder runtergefahren….

Zugegeben, zu Beginn ist das Stück eine echte Herausforderung für viele und nicht’s für Angsthasen, zum Glück erscheint immer wieder Daniel als Schauspieler, da gibt es kleine Verschnaufpausen und man muss nicht mehr um sein Leben fürchten.

Auf der Suche nach feinem Essen fliegt Yark in den hohen Norden zum Samichlaus,

dem er die Liste mit den allerliebsten Kindern der Welt abluchst. Diese Liste mit den Top Ten der Allerbravsten wird nun abgearbeitet. Doch diese Kinder sind viel zu schlau, als dass Yark ihnen etwas antun kann. Es folgen schlimme Wörter und eine grobe Magenverstimmung. Zum Glück wird Yark von Madeleine gefunden, die ihn mit Alpenkräutern wieder fit macht. Eine Freundschaft beginnt. Wie wunderbar, Madeleine fürchtet sich überhaupt nicht vor Yark, warum auch? Noch nie hatte Yark eine Freundin, sogar eine, die ihm das Fell kämmt.

Wäre da nur nicht dieser riesengrosse Hunger, aber Yark will doch nicht seine neue Freundin fressen, ojeminee… wie das wohl ausgeht?

Hier soll nicht zu viel verraten werden, nur so viel: es kommt gut und am Schluss kann man auch ganz getrost den Theaterraum wieder verlassen, im Wissen, dass einen der Yark nicht fressen kommt, auch wenn man nett ist. Im Gegenteil, er wird einem sogar helfen kommen, falls man mal ganz schlecht träumt.

Daniel Mangisch will spassvoll gruseln und zeigen, dass manche Dinge nur in unseren Köpfen leben. Sein packendes Erzähl- und Objekttheater lässt die Monsterwelt auferstehen und haucht Puppen und Objekten Leben ein.


Ein tolles Stück für alle ab 7 Jahren, die es lieben, mal wieder etwas Hühnerhaut zu bekommen.

Ich heisse Name

Theater Jungfrau und Co. / Theater Blau, in Koproduktion mit Schlachthaus Theater Bern

Besuch einer Schulvorstellung am 31. Januar 22 im Treffpunkt Wittigkofen, Bern von Kathrin Brülhart Corbat

Warum hat es hier nur so wenig Kinder? Leider darf heute wegen den Covidmassnahmen nur eine Klasse ins Theater kommen, wie schade… dann sind wir, die hier sein dürfen, ja richtige Glückspilze! Ein Mädchen aus der Basisstufe Bern Bethlehem erklärt mir, sie hätten mit der Schauspielerin Brigitta und mit dem Schauspieler Julius im Vorfeld eben recherchiert, deshalb dürfen sie jetzt kommen.

Gespannt sitzen wir vor einer leeren Bühne, ausser zwei fahrbaren Leinwänden, ist noch nichts zu sehen. «Wo sind Brigitta und Julius?» – Warts ab !

Musik… zwei Hellraumprojektoren werden auf die Bühne gefahren, geschoben von einer weiss gekleideten Frau (Brigitta Weber) und einem weiss gekleideten Mann (Julius Griesenberg). Zu Beginn spielen sie mit ihren Schattenbildern, das ist lustig, die Kinder kichern, am liebsten möchte man es selbst ausprobieren.

Nun wird auf die Projektionsfläche gezeichnet… ein Kopf, Augen, Arme…. es ist mucksmäuschenstill, alle schauen gespannt zu, wie ein Strichmännchen entsteht oder ist es ein Strichweibchen? «Egal!» «Was egal?» «Wie heisst Du?» – «Ich heisse NAME».

Was isst eigentlich so ein Strichfigürchen? Natürlich Spaghetti Carbonara.

NAME möchte mit seinem Krokodil in der Badewanne spielen und danach die Welt entdecken; sich mit Herrn Sonntag, dem lustigen Hund treffen und auf dem Spielplatz mit den anderen Kindern spielen – sag, geht das überhaupt, wenn man nicht weiss, ob NAME ein Mädchen ist oder ein Junge? Welche Kleider soll NAME tragen? Hosen oder vielleicht einen Rock? Mit was möchte NAME spielen? Mag NAME rosarot oder grün? Holz hacken oder nähen?

Die beiden Erwachsenen begleiten NAME auf seiner Erkundungstour, sie schlüpfen in zig verschiedene Rollen, es wird geschnipselt und gezeichnet, vergrössert und verkleinert, mit Schatten und farbigen Folien gespielt. Immer wieder entstehen neue Welten und neue Fragen: «Wenn ich gross bin, werde ich dann eine Frau oder ein Mann?»

Ein tolles, wichtiges Stück zur eigenen Identität und zur Genderthematik, für alle ab 5 Jahren.

Modell 21


Eine Möglichkeit, Theater mit anderen Augen zu sehen.

Von Kathrin Brülhart, Verantwortliche für die Gastspielreihen des ZTP PH Luzern.

Am 1. Dezember trafen sich die Perlen Veranstalter*innen aus Sarnen, Willisau und Hochdorf zu einem gemeinsamen Workshop mit mir, um das neue «Modell 21» kennenzulernen.

Das «Modell 21» wurde im Verlaufe des Jahres 2021 von Ursula Ulrich und mir ausgehend von älteren Visionierungs-Kriterienkatalogen weiterentwickelt und beinhaltet Merkmale, welche aus unserer Sicht mögliche Qualitätskriterien für professionelle Theaterstücke thematisieren.

Zudem kann es für alle Perlen Veranstalter*innen eine Auswahlhilfe beim Aussuchen der Stücke sein.

Was ist uns wichtig? Was macht eine Perle im professionellen Kinder- und Jugendtheater aus?

Theater ist mehr als gefallen und drauskommen!

Wichtige Fragen für uns alle waren: berührt mich die Inszenierung? Ermöglicht sie sinnliche Erfahrungen, regt es Gefühle und Empfindungen in mir an? Oder anders gefragt, macht das Stück etwas mit mir, hinterlässt es Spuren?

Während des gemeinsamen Workshops entstanden als Ausganslage für die Qualitätsdiskussion verschiedene Skulpturen zu Stücken, welche wir kürzlich gesehen hatten und die etwas mit uns gemacht haben.

Erstes Fazit:

Wir wünschen uns, dass wir verzaubert werden, ins Stück eintauchen können, die Fantasie angeregt wird. Interessant wird es dann, wenn ein Stück spannende und anregende Fragen auslöst.

Es soll die Spiel-Lust wecken, darin waren wir uns auch einig.

Nach einer angeregten Diskussion fanden wir heraus, was uns auch noch am Herzen liegt:

Eröffnet mir die Inszenierung neue Sichtweisen? Verändert sie etwas? Perspektivenwechsel?

Ermutigt die Inszenierung, im Leben selbst etwas bewirken zu können?

UND natürlich soll eine Perle künstlerisch ausdrucksstark sein, Figuren können sich entwickeln, das Bühnenbild soll Raum geben für eigene Bilder (um nur zwei Punkte der sechs Punkte zu erwähnen, welche das «Modell 21» beinhaltet 🙂

Wir freuen uns alle auf viele neue, Mut machende Stücke.

Falls du dich für das «Modell 21» interessierst, melde dich – wir schicken es dir gerne zu!

Wolf – Loup (von Theo Fransz)

Theaterproduktion von La Grenouille, Biel

Besucht von Kathrin Brülhart Corbat am 12. November im Tojo Theater Reitschule Bern

Vor einer Woche habe ich diese eindrückliche Theaterproduktion gesehen, sehr gerne erinnere ich mich daran: das Stück spielt in einem offenen Spielraum, wir sitzen auf vier Seiten, wie auf einem Dorfplatz. Noch bevor es anfängt, sehe ich, dass es Livemusik gibt: Gitarre, Keyboard und Mik stehen bereit. Auf der Bühne liegt ein grosses Tuch mit roten Flecken und einige überdimensionale Grablichter.

Es fängt an, Musik… ein leidenschaftlicher Tanz zweier Verliebten. Virginie und Mas.

Ein Messer, Hände werden im Wasser gewaschen, das Wasser färbt sich rot, «pas de panic», sie liegen gleich neben mir, «habe ich geschlafen, habe ich etwas verpasst?».

Virginie ist eine junge Frau, die nach der Tradition ihrer Grossmutter Sand auf die Gräber streut. Im Dorf glaubt man, dass dies die Lebenden vor dem Tod schützt. Auf diesem Friedhof lernt Virginie Mas kennen. Mas war früher ein Wolf. Als Welpe musste er mitansehen, wie seine ganze Familie von Jägern aus dem Dorf getötet wurde. Die Götter haben ihn in einen Menschen verwandelt mit dem Auftrag, seine Familie zu rächen, Mas soll alle Mitglieder der Jägerfamilie ausrotten… Und dann erfährt Mas, dass Virginie, in die er sich unsterblich verliebt hat, die Tochter des letzten Jägers ist. Was nun? Ist die Liebe der beiden stark genug, um das Schicksal selbst in die Hände zu nehmen – oder bringt er sie nun um? Er muss! Es ist so vorbestimmt. Muss er?

Immer wieder werden wir direkt angesprochen von Mas und Virginie, durch die Nähe zum Geschehen wird es intim und spannend. Der Konflikt, dass Mas Virginie ja nun eigentlich umbringen muss, um seinen «Auftrag» zu erfüllen, wird in einem genialen Spannungsbogen erzählt. Oft wissen wir mehr als Virginie, wie in einem Krimi… Mit der Live-Musik wird die Erzählung mit treibenden Rhythmen, rauhem Groove und dann wieder mit feinen Gitarrenklängen untermalt. Wir sind mittendrinn, es wird geschwitzt, getanzt, geliebt, verstossen und wieder gefunden.

Faszinierend an diesem Stück ist auch die Sprache. Beide Spielenden sprechen französisch und deutsch. Es gibt zwei Inszenierungen in je einer klaren «Hauptsprache», hier war es Deutsch. Auch mit wenig Französischkenntnissen versteht man alles. Da das Gesagte durch die Emotion «entschlüsselt» oder vom anderen Spielenden aufgenommen und übersetzt wird.

Eine berührende Geschichte für alle ab 13 Jahren über Gewalt und Verfolgung, Schicksal und Vorbestimmung.

Rosa – Die Lebensgeschichte einer mutigen Frau, gespielt vom Theater Sgaramusch

Besucht von Kathrin Brülhart Corbat am 10. November im Theater Stadelhofen

Wie erzählt man diese dichte Biografie von Rosa Luxemburg? Was wird ausgewählt? Auf der Bühne steht ein Ständer, an diesem hängen diverse Handpuppen. Gespannt sitze ich im Publikum der Nachmittagsvorstellung und warte bis es dunkel wird.

Das bittere Ende gleich vorweg: In den ersten Spielminuten erfahren wir, dass Rosa erschossen wurde, weil sie ihre Meinung sagte. Ein kleines T-Shirt mit der Aufschrift ROSA wird in einen Kübel mit Wasser geschmissen. Rosa Luxemburgs Leiche wurde 1919 in einen Kanal in Berlin geworfen. Ehrlicher, harter Anfang, denke ich.

Mit einfachen Mitteln wird der geschichtliche Hintergrund erklärt. Wir erfahren, dass zu Rosas Lebzeiten drei Kaiser auf dem heutigem Gebiet von Polen regiert haben. Und dass sich der Kaiser den Bauch füllte, während Frauen, Männer, Alte und Kinder bis zum Umfallen in der Fabrik schuften mussten.

Rosa sagte schon als Kind, was sie denkt, laut und deutlich.

Sie ist klein und hinkt, weil man ihr das falsche Bein eingegipst hat. Ein ganzes Jahr lang musste sie im Bett bleiben, in dieser Zeit hat sie viel gelesen. Als sie wieder zur Schule geht, hat sie viele Fragen: Warum müssen einige Kinder in der Fabrik arbeiten? Warum dürfen wir nicht Polnisch sprechen, obwohl wir in Polen leben? Der Lehrer schreit sie an: Fragen sind nicht erlaubt- Schweig! Doch Rosa gibt nicht auf.

Später studiert sie in Zürich und verliebt sich im Uni-Garten in Leo. Die Katze Mimi ist der Hammer – warum ? wird an dieser Stelle nicht verraten. Wir erfahren, dass Rosa sehr gerne badet, sehen eine wunderschöne Szene in der Badewanne… sind dabei, als sie ihre wichtigen Texte und Reden schreibt: «Sie können unsere Hände fesseln, aber nicht unsere Gedanken.»

«Was findet ihr ungerecht?», fragt die Schauspielerin im Stück das Publikum. «Es ist ungerecht, dass man keine Pause machen darf und eingesperrt wird», «Alles in diesem Stück ist ungerecht», «Kannst Du das noch etwas genauer sagen, wo genau findest Du es ungerecht?»

Ein tolles, brandaktuelles Theater mit einer klaren Botschaft: Wenn man etwas ungerecht findet, dann sollte man es auch sagen! Getraut euch – mischt euch ein!

Wie sähe die Welt wohl aus, wenn wir alle ein grosses Stück Rosa in uns hätten?

Wild Things

von cie corsingaudenz

Am Dienstag 1. Juni besuchte ich die Musiktheater-Vorstellung «Wild Things» in der Gessnerallee in Zürich. Bereits beim Betreten eröffnete sich mir eine «neue» Welt, eine schiefe Insel als ein anziehendes Bühnenbild, das schon beim ersten Betrachten diesen gewissen «Entdeckergeist» weckt, der durch das durchaus geheimnisvoll anmutende Bühnenbild ausgelöst wurde. Wild und sorgfältig, laut und träumend, bewegt und verspielt – so erlebte ich das ohne gesprochene Sprache (und wenig projiziertem Text) ausgedrückte szenische Experiment mit starkem Körperausdruck, Rhythmus, Melodien, Emotionen, Unruhe, Bewegung. Von allem viel. Und von allem noch mehr. Gerade auch dann, wenn sich die Figuren im Wettrennen, im Chaos, im Krawall und in der Musik wiederfanden. Wenn sie sich gegenseitig ausschlossen. Zusammenhalten übten. Oder zerstörten. Zauberten.

Ein Schlagzeug, eine Gitarre, ein Klavier und Gesang verführten mit faszinierendem, überraschendem und rasantem Tempo durch die Nacht von Wolf, durch seinen Traum, durch seine wild gewordenen Gedanken, die in der Nacht nicht gebändigt werden (wie vielleicht am Tag?). Und während die Bäume unmerklich durch den Bühnenboden wuchsen und irgendwann wieder verschwanden, erlebten wir zusammen mit den Musiker*innen eine turbulente Fantasiereise.

Erarbeitet wurde das Musiktheater «Wild Things» von Corsin Gaudenz und seinem Team – konzipiert für ein junges Publikum und für alle, die im Bann der Musik den «Auffälligkeiten», die das Leben mit sich bringt, begegnen möchten.

Die unendliche Geschichte

Nach Michael Ende, gespielt von Kolypan.

Besucht von Kathrin Brülhart Corbat am 8. Dezember im Rahmen des Theaterfunkens, kleine Bühne Zofingen.

Und wie ich mich freue: eines meiner Lieblingsbücher findet den Weg auf die Bühne, gespannt sitze ich im Publikum; zuerst üben wir einen Insektenschwarm, für das Ungeheuer Igramul, danach Giftpfeil-schiessen und dann müssen wir Fabienne, der Schauspielerin helfen in ihre Rolle als Bastian einzusteigen. Das Publikum wird aufgefordert richtig gemein zu sein: «Dicksack! Spinner!» rufen wir. Es gelingt: schon bald sehen wir den schüchternen Jungen Bastian Balthasar Bux vor einer schreienden, mobbenden Schar in das Antiquariat von Herr Koreander flüchten.

Hier liegt es, das geheimnisvolle Buch „Die Unendliche Geschichte“, von dem eine Art unwiderstehliche Magnetkraft ausgeht und das Bastian unbedingt haben muss, koste es was es wolle! Bastian stiehlt das Buch aus dem Antiquariat, versteckt sich auf dem Estrich im Schulhaus und taucht ein in die Welt Phantasiens…
Dort trifft er auf Fuchur, Atreju, auf Irrlichter, auf Morla die uralte Schildkröte und natürlich auf die kindliche Kaiserin, die einen neuen Namen braucht….

Für die, die sich nicht mehr an die Geschichte erinnern, hier kurz zusammengefasst:

Bastian fängt im Buch an zu lesen und realisiert, dass er darin vorkommt, mehr noch, dass er den Verlauf der Geschichte beeinflussen kann, der Held der Geschichte werden «muss». Es ist seine Aufgabe die Kindliche Kaiserin und somit das Reich Phantasiens vor dem wirbelsturmartigen «Nichts» zu retten. Mit dem Auryn-Amulett der Kindlichen Kaiserin soll Bastian die beinahe verschwundene Welt Phantasiens nach seinen Vorstellungen und Wünschen neu erschaffen. «Tu was du willst» heisst es auf der Rückseite des Auryn-Amuletts. So wünscht sich Bastian all das, was er niemals war: mutig und stark zu sein. Doch mit jedem Wunsch für etwas Neues, verschwindet Bastians Erinnerung an das, was einst seine eigene Welt war. Nach einem Konflikt mit seinem Freund Atréju gelingt es Bastian mit dessen Hilfe, wieder zurück zu finden zur realen Welt, zu sich selbst.

Ein dickes Buch wird in rasantem Tempo erzählt: einer Mischung aus Erzähl- und Objekttheater, Fabienne Hadorn und Gustavo Nunez schlüpfen virtuos in die unterschiedlichsten Rollen und hauchen den Bühnenobjekten Leben ein. Dabei werden auch Kinder aus dem Publikum gebraucht, zum Beispiel mit Laubbläser bewaffnet darf man vom Bühnenrand aus, den Wirbelsturm spielen J

Es lebe die Phantasie und das Land Phantasien oder eben, wie es im Programm heisst: Phantasien bauen mit Kolypan! Ein Kolypanstück in gewohnt trashig-witziger Manier.